„Sie haben es doch gut gemeint!“ – Depression und Familie

Vor einer Weile habe ich bereits das Buch: „Sie haben es doch gut gemeint“ des Luzerner Psychotherapeuten Josef Giger-Bütler empfohlen. Zwar ist diese Buchvorstellung schon recht ausführlich geraten, dennoch mussten wichtige Einzelheiten unter den Tisch fallen. Denen möchte ich nun Raum geben.

Definition

Giger-Bütler definiert die Depression folgendermaßen:

Depressiv ist, wer sich im Teufelskreis der Überforderung befindet.

Der depressive Umgang damit zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht zu einer Auflösung, sondern zu einer neuen Überforderung kommt.

 

Depressive Überforderungs- und Lebensstrategie

Er betont: „Die Depression ist Resultat einer depressiven Überforderungs- und Lebensstrategie. Dieses Muster ist (…) entsteht sehr wahrscheinlich in der Kindheit (…). Die Muster der depressiven Überforderung sind starr und übermächtig. Der depressive Mensch kennt nur diese Muster, er ist unfähig und unfrei, sich anders als ihnen entsprechend zu verhalten. Und nur seine depressive Form der Lebensbewältigung gibt ihm ein gewisses Maß an Sicherheit.“

 

Krank machende Bedingungen in der Kindheit

Giger-Bütler beleuchtet in diesem Kontext zwei Hauptpunkte:

  • Familiäre Konstellationen und

  • das sich daraus ergebende „depressive Muster“.

Er stellt heraus, dass die Depression sich still und heimlich entwickelt und festigt, „in aller Öffentlichkeit, ohne von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, genau wie auch das Leiden depressiver erwachsener Menschen ein stilles und meist auch verborgenes Leiden ist.“

 

Bei den familiären Konstellationen untersucht er:

1. die „normale“ Familie,

2. Mütter, die sich kümmern und „nur das Beste wollen“,

3. Väter mit hohen Erwartungen,

4. autoritäre Väter,

5. dienende, aufopfernde Mütter,

6. starke, bestimmende Mütter und

7. depressive Mütter und Väter.

 

Darauf aufbauend zeigt der Autor, inwieweit die beschriebenen familiären Umfelder ein Nährboden späterer Depressionen sind. Allen gemeinsam ist dabei, dass die Eltern mit der Erziehungsarbeit überfordert sind. Die Kinder nehmen die Überforderung der Eltern auf und reagieren in einer Weise, die sie selbst wiederum überfordert. Die Überforderung der Kinder ist somit die Antwort auf die Überforderung der Eltern, ein Teufelskreis.

 

Die Reaktionen der Kinder als depressionsbildende Faktoren

Giger-Bütler macht deutlich: „Kinder, die depressive Muster herausbilden, präsentieren sich hoch angepasst, (…) weshalb nämlich gerade so ruhige, ausgeglichene und tüchtige Menschen depressiv werden.“

 

Sehr berührend finde ich die Ausführungen über die Sehnsucht:

Was aber bleibt, ist die Sehnsucht. Die stille Sehnsucht begleitet diese Kinder und (…) der Wunsch nach:

– Beachtetsein,

– geliebt zu werden und jemand sein für einen anderen Menschen,

– wichtig und wertvoll zu sein für jemanden,

– Geborgenheit, Nähe und Wärme.“

 

Giger-Bütler fächert all die vielen Ängste auf, die sich wie ein roter Faden durch das Leben depressiver Menschen ziehen: „Ihr Leben ist durchkommen, einstecken und überleben.“

Das Fatale an der Depression: „Weil Gefühlsmäßiges nicht bedeutsam ist, sie dieses gar nie zeigen, kann von den anderen auch nicht erkannt werden, wie es ihnen gefühlsmäßig geht, spüren andere auch nicht, wenn sie überfordert sind, wenn sie Angst haben oder nervös sind. Auch aus diesem Grund werden sie später überschätzt und überfordert. Und weil im Berufsleben die Anforderungen so groß und so komplex sind, wird ihr Muster zur Falle und zur Quelle ständiger Überforderung.“

 

Sein oder Nichtsein – Kindheit und Depression

Das Erleben und Verhalten der Kinder, die später depressiv werden, beschreibt Giger-Bütler so: Sie entwickeln sich durch einseitige und ausgeprägte Anpassung, durch Bildung eines negativen Selbstbildes, mit einer geringen Ausformung von Identität und Autonomie, ohne Etablieren eines Grundvertrauens, mit geringer Entwicklung eines eigenständigen Selbstwertes und ohne Ausrichtung auf eine starke und gesunde Persönlichkeit hin.

Daraus folgt: „Sie müssen so viel tun und das nicht mit den besten Voraussetzungen. Sie gehen geschwächt ins Leben und müssen schon deshalb mehr Kräfte mobilisieren als andere. Nur merken das weder sie selbst noch andere.“

Und noch einmal das Sehnsuchts-Thema: „Eine nie zum Schweigen zu bringende Sehnsucht nach Sicherheit, Stabilität und Beständigkeit tragen sie in sich, eine, die Ruhe und Gelassenheit geben könnte und die Kräfte freisetzt für sie und ihr Leben. Es ist ein ständiges Verlangen danach, beachtet und geliebt zu werden. Sie sind erfüllt von diesem Wunsch, für jemanden wichtig zu sein. Sie möchten in die Arme genommen werden und sich anlehnen und ausruhen dürfen. Es ist eine Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, eine Sehnsucht auch nach etwas, von dem sie spüren, dass es wichtig wäre für ihr Leben und dass sie es für sich und ihre Entwicklung brauchen würden.“

 

Der Weg von der kindlichen zur erwachsenen Depression – latente und manifeste Depression

Giger-Bütler beschreibt die Depression als einen Prozess, in dem aus der Latenzdepression eine Manifestdepression wird.

Zu einer manifesten Depression kommt es also, wenn die Überforderung zu nachhaltig, die Belastung zu groß, der Kraftverbrauch zu massiv, die Müdigkeit zu tief, die Angst zu groß, die Verzweiflung zu stark wird und die Regeneration nicht mehr greift“.

Entscheidend ist die Gesamtheit und das Zusammenspiel aller depressiven Muster, die ein in sich geschlossenes System der Überforderung bilden. Depressive Menschen gehen nicht auf ihre Gefühle ein, nehmen sich nicht ernst und geben sich als Person keinen Wert und keine Bedeutung. Sie sind geleitet von einem verinnerlichten System von Erwartungen an sich. Sie können sich schlecht abgrenzen und Nein sagen und eine unabhängige Position im Leben einnehmen. Es fällt schwer, zur Ruhe zu kommen oder Hilfe anzunehmen. Das ist alles schwer zu ertragen. Schließlich versuchen depressive Menschen mit den gleichen Mustern aus der Depression zu kommen, die sie hineingebracht haben.

Er spricht von einer Latenzdepression, wenn er „die von außen nicht fassbare, nicht deklarierte und als solche nicht diagnostizierte Depression“ meint. Sie kann entweder immer latent bleiben oder in eine manifeste Form wechseln.

Von einer Manifestdepression dagegen spricht er, „wenn sich die innere Dynamik der depressiven Überforderung, das innere Handeln im äußeren Verhalten sichtbar manifestiert.“ Das heißt, dass die Manifestdepression im Unterschied zur Latenzdepression ein Ausdruck des Zusammenbruchs und des Scheiterns der depressiven Überforderungsstrategien ist.

Giger-Bütler führt plastisch aus, wie ein nichtdepressiver Mensch mit sich sprechen würde: „Gut hast du das gemacht. Schön, dass du trotz und mit dieser Müdigkeit die Leistung so gebracht hast!“. Bei einem depressiven Menschen klingt das so: „Du hättest alles viel schneller und leichter machen müssen. Es zeigt sich einfach immer wieder, dass du es nicht schaffst, es nicht kannst…“.

Der Autor macht deutlich: „Manifeste Depressionen sind sinnvoll und wichtig, weil der Mensch meist erst in Extremsituationen bereit und in der Lage ist, etwas an seinem Leben zu ändern. Darum ist der Ausspruch von der Depression als Chance nicht eine billige und schönfärberische Floskel, sondern trifft die Wirklichkeit genau.“

 

Emotionale und körperliche Symptome der Depression

Die Somatisierung der Depression, also die körperlichen Symptome eines depressiven Zustandes, sieht der Autor in erster Linie als Ausdruck und Ergebnis der depressiven Überforderung. Sie sind Zeichen einer tiefen Müdigkeit und eines Zusammenbruchs der psychischen Spannkraft.

Ein mögliches Ende sowohl der Latenz- wie der Manifestdepression ist die Erschöpfung, wenn der depressive Mensch physisch und psychisch am Ende ist und der Körper nicht mehr mitmacht und streikt.“ Auf diese Weise stellt die Erschöpfung in gewisser Weise eine Erlösung aus einem unerträglichen und unhaltbaren Zustand dar.“

 

Die Diagnose: Das Erkennen der depressiven Muster

Am Ausgangspunkt der Diagnostik steht immer die Frage nach dem WIE, um zu verstehen:

– wie jemand in verschiedenen Lebenssituationen mit sich umgeht,

– mit welchen Erwartungen die Person sich und dem Leben begegnet und

– welche Bilder sie von sich hat.

 

Bestimmte Verhaltensweisen oder Einstellungen legen die Diagnose einer Depression nahe – zentrale Punkte sind dabei:

– die Haltung des Menschen zu sich selbst,

– die Stimmung, die den Menschen – für andere spürbar – umgibt,

– Gefühle und Gedanken, die in der Begegnung mit dem Menschen bei anderen

aufkommen und schließlich

– das Erkennen der Überforderungsstrategie.

 

Wege aus der manifesten Depression

Um vom Ende einer Depression zu sprechen, bedarf es (…) einer anderen Qualität des Verhaltens und neuer persongerechter Verhaltensmuster, es bedarf eines positiven Selbstwerts und einer stabilen Identität, eines Durchbrechens des depressiven Kreises und eines Aufgebens von Überforderungsstrategien.“

Mit anderen Worten: „Ein Aussteigen aus dem depressiven Muster ist möglich. Eine wirkliche Besserung ist möglich, wenn ein radikales Umlernen stattfindet.“

Medikamente lindern das depressive Empfinden oder können es auch zum Verschwinden bringen. Sie beseitigen aber den depressiven Zirkel, die Muster der Überforderung nicht. Damit ist auch gesagt, dass Medikamente häufig notwendig sind, um überhaupt leben zu können, dass sie aber nicht in der Lage sind, Depressionen zu heilen. Sie verändern nur die Stimmung und die Gemütslage, reduzieren die Angst, steigern das Antriebsniveau und ermöglichen wieder ein normales und geregeltes Leben. Sie bewirken lediglich, dass die manifeste Depression wieder latent wird, mit dem Nachteil, dass die innere Dynamik verschleiert wird.“

Welche Richtung muss ein depressiver Mensch einschlagen, um ein neues Leben ohne Depression beginnen zu können? Wichtig ist dabei, „sich einzugestehen und anzunehmen,

– dass es nicht mehr weitergeht auf dem bisherigen Weg,

– dass es ein falscher Weg war,

– dass er in eine Sackgasse geführt hat und verantwortlich ist für den aktuellen

Zustand.“

 

Ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Veränderung ist innezuhalten. Erst wenn du siehst, wie, wo und wann du dich überforderst, ist eine konkrete Veränderung möglich. Diese Änderung der depressiven Muster und der Ausstieg aus dem Teufelskreis gehen in erster Linie über Verstehen und Annehmen. Dich selbst zu verstehen ist aber neu und ungewohnt und bedeutet einen völlig neuen Umgang mit dir. Es geht darum, zu verstehen und anzunehmen,

– wie du bist,

– dass du so, wie du bist, gut bist,

– dass du Mühe hast zu glauben, dass es wieder aufwärts gehen kann,

– dass du zweifelst und nur schwarz siehst,

– dass du unzufrieden und gereizt bist und

– dass du dir eine Veränderung nicht wirklich zutraust.

 

Mit dem Verstehen und Annehmen deiner Person und deiner schwierigen Gefühle beginnt der Ausstieg aus der Depression. Wenn du dich annimmst, überforderst du dich weniger, weißt um deine Grenzen und Möglichkeiten, respektierst dich selbst und vermeidest ein Handeln, das dir schadet und dich schwächt.

Der Ausstieg aus überfordernden Verhaltensweisen und das Finden eines respektvollen Umgangs mit dir selbst hat viel mit Lernen zu tun. Lernen, dich anders zu sehen, dich überhaupt zu sehen und auf dich zu hören. Das Entscheidende ist, dass

– du Wege aus der Depression lernen und gehen kannst,

– du diese Wege auch gehen kannst, wenn du nicht gut drauf bist und

– dass diese Wege nur langsam und mit Rückschlägen gegangen werden können.

 

Das Ziel

Was steht am Ende des Ausstiegs aus der Depression?

Giger-Bütler antwortet: „Ein Mensch zu werden, der sich versteht, der sich in seiner ganzen Unvollkommenheit annehmen und lieben kann und fähig ist, auf andere zuzugehen, der zu Menschen und der Welt in Beziehung treten kann und der intensiv Liebe zu geben und zu empfangen in der Lage ist. Er soll frei werden von seinen depressiven Mustern und handeln können, ohne sich zu überfordern.“

Es ist wichtig, immer wieder inne zu halten und dich zu fragen:

– Bin ich zufrieden mit mir?

– Nehme ich mich genügend ernst?

– Überfordere ich mich?

– Verstehe ich mich?

– Was ist mir im Moment wichtig?

 

Es geht darum, dich zu kennen und ernst zu nehmen und schrittweise all das zu machen, was du dir vorher nicht erlaubt hast. Zum Beispiel:

– mal nichts zu tun,

– spüren, wann du Ruhe brauchst,

– Zeiten frei lassen und sie nicht mit Arbeiten oder Programmen füllen,

– die Erwartungen anderer auch mal überhören oder nicht darauf reagieren,

– ab und zu nein sagen statt automatisch und ohne zu überlegen immer ja,

– etwas unterlassen, weil es zu viel Kraft kostet,

– eine Arbeit verschieben, weil es im Moment zu viel ist usw.

 

Wenn du aus der Depression aussteigst, dann ist das nicht immer einfach. Du musst vieles lernen und aushalten. Du wirst mit Gefühlen wie Angst konfrontiert. Du erfährst, dass jetzt anderes wichtig ist, obwohl die alten Gefühle und Muster dich bedrohen, verunsichern und auf die alten Gleise des gewohnten Verhaltens zurückholen wollen. Oft geht das nur in Begleitung. Es braucht eine Person, die dir hilft, diesen Weg zu gehen und die an dich glaubt. Die auch dann noch an den Weg glaubt, wenn du frustriert und verzweifelt bist, keine Kraft und Zuversicht mehr hast und das Licht am Ende des Tunnels nicht sehen kannst. Eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut besitzt die nötige Distanz, Erfahrung und Kompetenz, dich zu begleiten und dir die Hilfe zu geben, die du brauchst. Und die dir hilft, an das neue Credo zu glauben:

Ich bin die/der, die/der ich bin.

Ich bin gut, weil ich so bin, wie ich bin.

So, wie ich bin, bin ich gut.

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Foto: Pixabay

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