Die Kraft des erwachten Herzens

 

Du brauchst nicht gut zu sein.

Du brauchst nicht Hunderte von Meilen

reuevoll auf Knien durch die Wüste zu rutschen.

Du brauchst bloß das kleine weiche Tier

deines Körpers lieben zu lassen, was es liebt.

Erzähl mir von der Verzweiflung, deiner,

und ich erzähle dir von meiner.

Derweil nimmt die Welt ihren Lauf.

Derweil bewegen sich die Sonne und

die klaren Kiesel des Regens

durch die Landschaften, über Prärien,

die tiefen Bäume, die Berge und Flüsse.

Derweil ziehen die wilden Gänse

– hoch in der klaren, blauen Luft –

wieder heimwärts.

Wer immer du bist, gleich, wie verlassen,

die Welt bietet sich deiner Phantasie dar,

ruft dich wie die wilden Gänse,

mit rauer, aufregender Stimme – immer wieder,

und verkündet dir deinen Platz in der Familie aller Dinge.

 

MARY OLIVER

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Foto: Pixabay

 

Gedicht zum Sommeranfang

 

 

Einen Kuss, den wollen wir mit unserem ganzen Leben

 

Es gibt einen Kuss,

den wollen wir mit unserem ganzen Leben,

den Hauch von Geist auf unserer Haut.

Meerwasser bettelt,

dass die Perle ihre Schale öffnen möge.

Nachts öffne ich das Fenster

und bitte den Mond herein,

sein Gesicht gegen das meine zu drücken,

mich zu beatmen.

Schließ die Sprachtür

und öffne das Liebesfenster.

Der Mond braucht die Tür nicht,

nur das Fenster.

Es gibt einen Kuss,

den wollen wir mit unserem ganzen Leben.

 

Dschalal ad-Din ar-Rumi (1207 – 1273)

Irisches Segensgebet

 

Mein Wunsch für dich ist dieser:

Dass dankbar du und allezeit bewahrst in deinem Herzen

die kostbare Erinnerung der guten Ding in deinem Leben;

dass mutig du stehst in deiner Prüfung,

wenn hart das Kreuz auf deinen Schultern liegt

und wenn der Gipfel, den es zu ersteigen gilt,

ja selbst das Licht der Hoffnung zu entschwinden droht;

dass jede Gottesgabe in dir wachse

und mit den Jahren sie dir helfe,

die Herzen froh zu machen, die du liebst;

dass immer einen wahren Freund du hast,

der Freundschaft wert, der dir Vertrauen gibt,

wenn dir´s an Licht gebricht und Kraft;

dass du dank ihm den Stürmen standhältst

und so die Höhen doch erreichst.

 

 

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Foto: Pixabay

Gedicht zum Frühling

 

 

Sehnsucht nach dem Frühling

 

O, wie ist es kalt geworden
Und so traurig, öd’ und leer!
Raue Winde weh’n von Norden
Und die Sonne scheint nicht mehr.

Auf die Berge möcht’ ich fliegen,
Möchte seh’n ein grünes Tal,
Möcht’ in Gras und Blumen liegen
Und mich freu’n am Sonnenstrahl;

Möchte hören die Schalmeien
Und der Herden Glockenklang,
Möchte freuen mich im Freien
An der Vögel süßem Sang.

Schöner Frühling, komm doch wieder,
Lieber Frühling, komm doch bald,
Bring’ uns Blumen, Laub und Lieder,
Schmücke wieder Feld und Wald!

Ja, du bist uns treu geblieben,
Kommst nun bald in Pracht und Glanz,
Bringst nun bald all deinen Lieben
Sang und Freude, Spiel und Tanz.

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben)

Foto: Pixabay

 

 

 

 

 

 

Gedicht zum Jahreswechsel

 

Du musst das Leben nicht verstehen

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke

Gedicht zum Herbstanfang

 

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
Und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
Die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
Und wird in den Alleen hin und her
Unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke (Herbst 1902)

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