Psychotherapie: Untenrum frei

Margarete Stokowski:

Untenrum frei.

Reinbek bei Hamburg 2. Auflage 2018

oder: Feminismus als Antidepressivum!?

 

Die Autorin

Margarete Stokowski wurde 1986 in Polen geboren, lebt seit 1988 in Berlin und studierte dort Philosophie und Sozialwissenschaften. Sie schreibt als freie Autorin unter anderem für die taz und Die Zeit. Seit 2015 erscheint ihre wöchentliche Kolumne „Oben und unten“ bei Spiegel Online.

 

Der Klappentext

Sex. Macht. Spaß. Und Probleme.

Wie frei und gleichberechtigt sind wir? Warum fällt es uns leichter, über essen zu reden als über Sex? Haben wir die Fesseln der Unterdrückung längst gesprengt, oder haben wir nur gelernt, in ihnen shoppen zu gehen?

In diesem Buch erzählt Margarete Stokowski von den kleinen schmutzigen Dingen, über die man lieber nicht redet, weil sie peinlich werden könnten. Und sie schreibt über die großen Machtfragen, über die man lieber auch nicht redet, weil vieles so unveränderlich scheint. Es geht darum, wie die Freiheit im Kleinen mit der Freiheit im Großen zusammenhängt, und am Ende wird deutlich: Es ist dieselbe.

Stokowski zeigt, wie sich Rollenbilder und Schamgefühle manifestieren, wie sie uns einschränken – und dass wir sie loswerden können. Mit scharfsinnigem Blick auf die Details gelingt ihr ein persönliches, provokantes und befreiendes Buch.“

 

Das Buch

Margarete Stokowski hat „Untenrum frei“ 2016 veröffentlicht. Ein großartiges, herausforderndes, kluges, freches, mutiges und längst überfälliges Buch, wie ich finde. Sie schreibt: „Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind. Und andersrum. Das ist die zentrale These dieses Buches. Es geht um die kleinen, schmutzigen Dinge, über die man lieber nicht redet, weil sie peinlich werden könnten, und um die großen Machtfragen, über die man lieber auch nicht redet, weil vieles so unveränderlich scheint. Es geht darum, wie die Freiheit im Kleinen mit der Freiheit im Großen zusammenhängt, und am Ende wird sich zeigen: Es ist dieselbe.“ Und es geht darum, dass wir scheinbar von unglaublich viel Sex umgeben sind. In Wirklichkeit handelt es sich aber um leere Konsum-Versprechen in Verbindung mit nackter Haut, Brüsten und lasziven Körperhaltungen, fast ausschließlich von Frauen und „(…) das ist kein Sex. Es ist ein diffuses Versprechen einer Möglichkeit, die mit tatsächlichem Sex nur sehr wenig gemeinsam hat. Dem steht einer immer noch große Unsicherheit gegenüber (…)“, v.a. bei unerfahrenen Jugendlichen, die zwar schon alles gesehen haben, aber tatsächlich nichts wissen.

 

Die sieben Kapitel des Buches sind in sich geschlossene Essays, die man einzeln lesen kann, ergeben aber insgesamt eine Geschichte. Eine Geschichte über Sex, Macht, Spaß und Probleme. Eine Geschichte zu den Fragen, wie frei und gleichberechtigt wir tatsächlich sind. Warum es uns (immer noch) so schwer fällt, über Sex zu reden. Ob wir die Fesseln der Unterdrückung tatsächlich gesprengt haben, oder ob wir uns nur an sie gewöhnt haben. Stokowski zeigt auf, woran sich Rollenbilder und Schamgefühle festmachen, wie sie uns einengen und betont immer wieder, dass wir sie loswerden können und auch dringend loswerden sollten.

 

Die sieben Kapitel des Buches:

 

KAPITEL EINS: Nicht als Prinzessin geboren

In diesem ersten Kapitel geht es um Scham, Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit, „Penispräsenz“ im Vergleich zur „Vulvapräsenz“, Fragen wie: „Wo entscheiden wir uns, und zu beschränken? Wo werden wir beschränkt? Wo könnten wir freier sein, als wir es heute sind?“ und die große Frage: „Was heißt es denn, als Frau zu leben?“ Es geht um Passivität, Geschlechterrollen und klassische Attribute des „Frauseins“, Zugehörigkeitsgefühle zu einem Geschlecht, Schönheit, Strenge, Stolz, das allgemeine Verständnis von Aufklärung, Rebellion, Hysterie und ein erfrischendes Verständnis des Feminismus: „Er erklärt mir, warum viele der Frauen, die ich kenne, sich auch noch entschuldigen würden, wenn sie von einem Meteoriten getroffen werden. Die Dinge in neuem Licht zu betrachten heißt auch, sie den vermeintlichen Notwendigkeiten zu entreißen.“

 

KAPITEL ZWEI: Wachsen und waxen

Im zweiten Kapitel schreibt Margarete Stokowski über das Ende der Kindheit, Schminke, Brüste, die „Arbeit am Körper“ – „Es ist ein merkwürdiger Widerspruch: Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als mein Körper anfängt, Zeichen des Frauseins zu entwickeln, bestehen meine größten Sorgen darin, diese Zeichen wieder wegzumachen.“ Oder: „Damit habe ich schon als Zwölfjährige erkannt, wie widersprüchlich die Anforderungen an Frauen und ihre Körper sind: Sei schön – aber nicht zu schön.“ Die Autorin schreibt über Verliebtheit, Masturbation bei Frauen, Zugänge zu sexuellen Inhalten, Grenzüberschreitungen, Konkurrenz unter Mädchen, rückständige Frauenbilder in Magazinen und nimmt ausführlich die Verdinglichung der Frau als bloßes Sexobjekt in Medien und Werbung („sex sells“) auseinander. Hochinteressant bzw. -frustrierend ist in diesem Zusammenhang „eine unvollständige Liste von Themen, die Stern, Focus und Spiegel schon mit (halb)nackten Frauen oder Frauenkörperteilen illustriert haben“. Margarete Stokowski referiert in diesem Buchabschnitt weiter über Frauen, Männer und Macht, dem „Kinder-Küche-Kirche-Weiblichkeitswahn“, die Menstruation und BHs.

 

KAPITEL DREI: Wissen wäre Macht

Themen des dritten Kapitels sind die Gewöhnung an nackte Frauenkörper im öffentlichen Raum, beschränkte Frauen- und Männerbilder in Jugend-, Frauen- und Männerzeitschriften, „Beautysünden“ und Indoktrinierung durch die Medien. Stokowski betont: „Wenn ich heute über solche Frauen- oder Männermagazine spreche, denken Leute oft, dass ich sie gern verbieten lassen würde. Das stimmt nicht. Ich will viel lieber, dass sie aussterben: dass niemand mehr Bock hat, sie zu kaufen“. Vielmehr sei es sinnvoller, in wirklich hochwertige Sexualpädagogik zu investieren: „Was vielen Jugendlichen – und auch Erwachsenen – fehlt, ist nicht nur ein hinreichendes Wissen darüber, wie guter Sex geht, sondern auch darüber, wie man da hinkommt, ihn zu haben“. Sie stellt Überlegungen über mittelmäßigen Sex an, den Body-Mass-Index, internalisierte gesellschaftliche Schönheitsideale, Essstörungen, typische Unsicherheiten in der Pubertät und „die sehr grundlegende Frage, welchen Platz in der Welt man sich selbst zugesteht.“ Stokowski bezieht sich auf das Hochstapler-Syndrom und das Phänomen des Ritzens. Auch berichtet sie ebenso sachlich wie schockierend über ihre Vergewaltigung mit 16 Jahren und der klaren Vorstellung, die sie hatte „vom Bösen, eine dunkle Gestalt, die hinter einem Busch hervorspringt“ und dass diese nichts mit einem Missbrauch durch eine Vertrauensperson gemeinsam hat: „Dass die Gefahr mitten in meinem Alltag liegen würde, hatte ich nicht geahnt“.

 

KAPITEL VIER: Untenrum und Überbau

Das vierte Kapitel beginnt mit den Fragen: „Wie offen gehen wir mit Sex um? Und was ist Sex überhaupt?“ Dabei käme Sex „uns heute nicht mehr vor wie etwas, das man befreien müsste, sondern wie eine Selbstverständlichkeit (…). Doch seien wir „oversexed and underfucked“: „Überall geht es irgendwie um Sex, aber wir haben keinen oder nicht den, den wir wollen“. Außerdem geht es um Gesetze, sexuelles Elend, (Nicht-)Reden über Wünsche, christliche Werte, Prüderie und die Kirche, Ehre, Unschuld, sexuelle Revolution, Sex und Historie. Es geht um das Erheben der eigenen Stimme, Bewusstseinsbildung, Frauengruppen, den Abtreibungsparagraphen, Alice Schwarzer, die Veränderung der Sprache über Sexualität, Gender Studies, Queer Theory und Vermarktlichung, notwendige Grenzen und Regeln, Schamgefühl, Intimität, Tabu und Belästigung. Ein zentraler Punkt: „Es tut uns nicht gut, wenn heute über 1968 und die darauf folgenden Jahre so geredet wird, als habe tatsächlich eine Revolution stattgefunden, die irgendwie abgeschlossen wurde“. Und: Wir haben immer noch kein öffentliches Bild von Frauen, die sexuell aktiv sind, das nichts mit Schande zu tun hat. Untenrum frei zu sein bedeutet Freiheit im sexuellen Sinne. Es bedeutet zu wissen, was uns gefällt und was wir uns wünschen, und es bedeutet, uns das Begehren zu erlauben, das in uns ist – immer so weit, dass die Freiheit der anderen respektiert bleibt. Obenrum frei zu sein bedeutet Freiheit im politischen Sinne: frei von einengenden Rollenbildern, Normen und Mythen. Letzlich sind beide Freiheiten nur Nuancen ein und derselben Freiheit, in der wir uns als Subjekte anerkennen und uns erlauben, immer wieder auch zum Objekt zu werden, wenn wir wollen – und wieder zurück“. Das Kapitel endet sehr eindrücklich mit persönlichen Schilderungen von besonders geglückten wie missratenen Sexerlebnissen der Autorin aus ihrer Studienzeit .

 

KAPITEL FÜNF: Weltherrschaft im Alltag

Zu Beginn des fünften Kapitels stellt Margarete Stokowski klar, dass feministische Weltherrschaft keine Option sei. Es ginge um die Abschaffung von Herrschaft statt um ihre Umkehr. Allerdings: „Wir können versuchen, da wo wir sind, Unterdrückung abzuschaffen – und wir können versuchen, unsere eigene Welt zu beherrschen.“ Stokowski betont: „Offenbar ist es noch ein bisschen hin bis zur Gleichberechtigung. In Zahlen: Noch über 100 Jahre. Wir wissen aus dem `Global Gender Gap Report 2015´, dass es – wenn alles so weitergeht – bis ungefähr 2133 dauern wird, bis Männer und Frauen in der Arbeitswelt gleichgestellt sind“. Große Missverständnisse in Bezug auf Gleichstellung im Beruf gäbe es immer noch in den drei Bereichen Lohngerechtigkeit, Berufswahl und Quote. Am Ende des Kapitels beantwortet die Autorin die Frage, wie die Zukunft aussehen kann, mit der Abschaffung von Herrschaft, der Anarchie. Dabei sieht sie Anarchie keineswegs um etwas Chaotisches und Destruktives: „Entgegen dieser Vorstellung geht es im Anarchismus sehr wohl um Ordnung, allerdings eine Ordnung, die nicht auf Herrschaft, Ausbeutung, Konkurrenz und Egoismus basiert, sondern auf Gleichberechtigung, Vereinbarungen, Hilfe und Solidarität.“

 

KAPITEL SECHS: Eine Poesie des „Fuck You“

Im vorletzten Buchkapitel setzt sich Margarete Stokowski mit Handlungsmöglichkeiten in Richtung von mehr Freiheit auseinander: „Für diese Momente hilft es, eine Poesie des ´Fuck you´ zu entwickeln und in sich zu tragen wie ein Mantra. Das klingt ein bisschen esoterisch, ist aber ziemlich pragmatisch und im Übrigen weit verbreitet. Jeder Staat, jeder Fußballverein macht genau das, wenn er bei festlichen Anlässen seine Hymne spielen lässt: Er wiederholt ein Mantra, um sich zu stärken und Zusammenhalt zu beschwören. Sich selbst beieinanderzuhalten kann auch einem einzelnen Menschen nicht schaden, wenn die Dinge ungerecht laufen oder Leute versuchen, einen auseinanderzunehmen. Es geht dabei nicht darum, sich gegen Kritik zu immunisieren, sondern darum, die eigene Handlungsfähigkeit zu erhalten und sich daran zu erinnern, wofür man steht. Nur dann kann man überhaupt vernünftig diskutieren, weil man sich nicht an Verletzungen und Kritik abarbeitet, sondern Argumente vertritt.“ Ferner geht es um geliebt werden wollen, lächeln, schweigen, um Alltagssexismus; Klischees über Feminist*innen, Radikalität, gesellschaftliche Normen versus Umdenken und (angebliches) Opfertum – „Indem wir öffentlich sprechen, machen wir uns nicht zu opfern, im Gegenteil: Wir ent-opfern uns.“ Toller Abschlusssatz: „Und weil ich vor Jahren noch gesagt hätte, ich werde mich nie in die Nähe einer Motorsäge bewegen, und inzwischen am Ofen sitze, in dem das Holz der Bäume brennt, die ich vor zwei Jahren gefällt habe, weiß ich: Zeiten ändern sich, und es ist möglich, das Alte zu Fall zu bringen:“

 

KAPITEL SIEBEN: Nur mit Liebe

Die Autorin beginnt das letzte Kapitel einigen Gedanken zur gleichzeitigen Schönheit und Bizarrheit von Hochzeitsfeiern: „Hochzeiten sind eine eigenartige Mischung aus Himmel und Hölle. Ich gehe gern zu Hochzeiten, weil ich mir kaum etwas Schöneres vorstellen kann, als wenn Menschen ihre Liebe feiern (…). Aber Hochzeiten sind oft auch Veranstaltungen, auf denen die Merkwürdigkeiten alter Rollenbilder besonders deutlich werden und manchmal bizarr zutage treten.“ Dann wundert sie sich darüber, dass Paare offenbar viele Jahre nicht über wesentliche Beziehungsthemen wie z.B. ihre Vorstellungen von Liebe oder die Treue sprechen. Stokowski schreibt über Erneuerung und Gewöhnung in Beziehungen, über die Anerkennung zwischen Mann und Frau, über Beziehungsmuster und eine Retraditionalisierung der Geschlechterrollen, wenn Kinder kommen. Sie mahnt die Wichtigkeit an, auch über die negativen Seiten von Eternschaft öffentlich zu reden und den Mythos der Geburt anzutasten. Und immer wieder davon, dass wir Vielfalt brauchen und diese uns Freiheit lehrt.

 

Meinungen zum Buch

DIE ZEIT schreibt: „Der neue Feminismus hat hier einen coolen Auftritt: witzig und böse. Macht das Thema genussvoll für alle Seiten.

Zeit Online schreibt: „Ein unendlich wichtiges Buch. Bisweilen hat man beim Lesen das Gefühl, es würden sich neue Synapsen im Gehirn ausbilden, die einen veränderten Blick auf die Welt eröffnen.“

Die Frankfurter Rundschau spricht von einem wichtigen Buch: „Reflektiert, mit viel Authentizität und einer ehrlichen Stimme, in passenden Momenten gespickt mit Humor“.

Im Prinzip ist das Buch eine längere Antwort auf die Frage, wozu man heute überhaupt noch Feminismus braucht. Einerseits ist es sehr ernst: „Das klingt alles bitter, aber wir können gegen all die Widrigkeiten nur vorgehen, wenn wir die Fakten kennen und uns nichts vormachen lassen.“ Andererseits hat es einen eigenen Humor: „Frauen unterschätzen sich und werden unterschätzt, immer noch. Sogar Stürme mit Frauennamen werden unterschätzt: Hurrikane mit Frauennnamen töten mehr Menschen als solche mit Männernamen, weil Leute sich vor ihnen seltener in Sicherheit bringen.“ Und außerdem einen rustikalen Optimismus: „Ich will nicht sagen, dass Feminismus ein Antidepressivum ist, aber feministische Ansichten ins eigene Denken aufzunehmen kann eine*n zumindest davor bewahren, zu glauben, man sei der einzige Mensch auf der Welt, der beim Anblick von Junggesellenabschieden zu Staub zerfallen möchte. Das ist entlastend.“

Insgesamt ist „Untenrum frei“ alles andere als einfache Kost oder ein dröges Sachbuch, aber ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung unserer Gesellschaft und unserer Rollenbilder.

 

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Foto: Pixabay

 

 

 

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