Frau. Mann. Emails.

Es ist schon ziemlich lange her, da habe ich´s gelesen. Und noch einmal. Und das Hörbuch gehört. Und noch einmal. Seitdem ist eine ganze Menge Zeit vergangen.

Letzte Woche habe ich ein Paar Bücher in die Büchertauschzentrale gestellt, eine schöne alte Londoner Telefonzelle im Einkaufszentrum. Und relativ unmotiviert nach etwas Interessantem gesucht. Nicht wirklich etwas dabei. Bis ich dann ziemlich weit unten in den Regalen „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer entdeckte und eine Stimme in meinem Bauch ein freudiges: „Ja!“ ausrief. Der Kopf war skeptisch, denn vorbei ist vorbei und Aufgewärmtes schmeckt oft nicht mehr so gut. Schließlich ist der Roman 2006 erschienen und ungefähr dann habe ich ihn auch gelesen. Das ist wirklich schon eine Weile her. Mein Leben war da ein anderes. Meine Beziehung auch. Und ich sowieso.

Was soll ich sagen? Es folgten einige dieser gruseligen Hamburger Wintertage: grau, Regen, Sturm. Und dann wieder grau, Regen, Sturm. Und noch mehr grau, Regen, Sturm. Quasi eine Einladung, einen großen Becher voll Tee zu kochen und das Buch zu schnappen und zu sehen, ob ich es immer noch gut finde. Ja! Ich finde es immer noch gut! Und zwar so gut, dass ich das nicht für mich behalten möchte.

Im SPIEGEL hat mal gestanden, es sei „… einer der zauberhaftesten und klügsten Liebesdialoge der Gegenwartsliteratur“. Ich kann nun wirklich nicht behaupten, den Großteil der Gegenwartsliteratur gelesen zu haben, aber das Buch ist in der Tat zauberhaft und klug. Ich habe es wieder wie eine Süchtige durchgelesen. Mir damit auch eine Nacht um die Ohren gehauen, weil ich einfach nicht mehr aufhören konnte. Irgendwann bin ich ins Bett gegangen und habe immer noch gelesen. Nix Schlafhygiene und so, da ist das Bett nämlich ausschließlich zwei Sachen vorbehalten: Schlafen und Sex…

Worum geht es?

Eine Emmi Rothner schickt aufgrund eines kleinen Tippfehlers die Kündigung eines Zeitschriften-Abos nicht an den Verlag, sondern an einen Leo Leike. Als dies wiederholt passiert, klärt er sie über den Fehler auf. Kurz, knapp, aber nicht komplett uncharmant. Sie entschuldigt sich und damit ist erst einmal Ende. Neun Monate später schickt sie ihm eine Weihnachts-Rundmail, erneut versehentlich. Daraufhin treten die beiden in einen außergewöhnlichen Email-Wechsel ein. Sie schreiben sich mehrfach täglich, oftmals im Abstand nur weniger Minuten. Häufig teilen sie ihre ersten Gedanken am Morgen und die letzten Gedanken am Abend miteinander. An einem Tag zählen sie 28 Emails, beschreiben dabei gleichzeitig ihre absolute Unverbindlichkeit und prägen den Begriff der „innigen Unbekanntschaft“. Zunächst berichten sie sich bewusst nicht aus ihrem Leben und vermeiden es tunlichst, in die Privatsphäre der anderen Person einzudringen. Mit der Zeit erzählen sie sich aber zögerlich immer mehr und schließlich fast alles. Schließlich fragen sie sich zunehmend, was das eigentlich ist zwischen ihnen. Freundschaft? Liebe? Eine riesige Illusion? Ein besonderer Kontakt, der nur deshalb so intensiv und intim ist, weil beide sich nicht kennen? Weil sie sich nur Emails schreiben, sich keine Fotos schicken, nicht telefonieren und sich nicht treffen? Also was ist es?

Natürlich schreibe ich jetzt keine Inhaltsangabe. Ich kann aber schreiben, dass es eine Menge Hin und Her gibt zwischen diesem Mann und dieser Frau, zwischen Nähe und Distanz, dem Wunsch nach einem Kennenlernen und dem Wunsch nach Beibehalten dieser außerordentlich besonderen Kontaktform. Es gibt weinselige Annäherungen und dann wieder ein nüchternes Bekräftigen der Distanz. Sehnsüchte brechen sich Bahn und werden von kühler Vernunft in Zaum gehalten oder zumindest mühsam wieder eingefangen. Sie lassen sich hinreißen zu einem vollends geöffnetem Herzen und machen dann schnell wieder dicht. Immer und immer wieder, immer und immer weiter.

Es gibt Ambivalenzen und widersprüchliche Entwicklungen ohne Ende und das Gute daran ist, dass das nicht nur klug, witzig, traurig, frech und mitreißend geschrieben ist, sondern auch differenziert und realistisch. Da sind viele Dinge, die Frauen und Männer typischerweise tun, denken, fühlen oder eben auch nicht. Dabei sind die beiden aber fern von Stereotypen gezeichnet, was sie jedoch nicht davon abhält, genau das der anderen Person immer mal wieder zu unterstellen. So wirft sie ihm in einem Fall plumpe Anmache und in einem anderen Selbstmiteid vor, er ihr wiederum Eifersucht und Kontrolle oder dass er es ihr einfach nicht recht machen kann. Dann wiederum ist sie verblüfft, dass er sie andauernd überrascht. Und er schickt ihr – angetrunken – sehnsüchtige Nachrichten voller Küsse… Natürlich gibt es auch eine ganze Menge Running Gags zwischen den beiden, die unter anderem mit Plüschbars, großen Busen und vampartigen Blondinen zu tun haben. Gleichzeitig werden grundlegende Fragen berührt wie die, was es eigentlich heißt, verheiratet zu sein. Oder jemanden zu betrügen. Um sich dann gleich wieder endlos auszuweichen und das Spiel von Nähe und Distanz erneut beginnt.

Es gibt unzählige tolle Passagen in dem Buch. Zum Beispiel, wenn Leo ausführlich erklärt, warum Emmi seiner Ansicht nach wie 30 schreibt, aber tatsächlich um die 40 sein müsste. Oder wenn Emmi sich darüber auslässt, was sie an Leo „ganz atypisch männlich“ findet und daher an ihm schätzt. Andere Nachrichten sind kurz und knackig, sagen aber so viel: „Lieber Leo, wenn Sie mir drei Tage nicht schreiben, empfinde ich zweierlei: 1.) Es wundert mich. 2.) Es fehlt mir etwas. Beides ist nicht angenehm. Tun Sie was dagegen! Emmi.“

Kurz später beschreibt Leo das Besondere ihres Kontakts: „Liebe Emmi, ist Ihnen schon aufgefallen, dass wir absolut nichts voneinander wissen? Wir erzeugen virtuelle Fantasiegestalten, fertigen illusionistische Phantombilder voneinander an. Wir stellen Fragen, deren Reiz darin besteht, nicht beantwortet zu werden. Ja, wir machen uns einen Sport daraus, die Neugierde des anderen zu wecken und immer weiter zu schüren, indem wir sie kategorisch nicht befriedigen. Wir versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen, zwischen den Wörtern, bald wohl schon zwischen den Buchstaben. Wir bemühen uns krampfhaft, den andern richtig einzuschätzen. Und gleichzeitig sind wir akribisch darauf bedacht, nur ja nichts Wesentliches von uns selbst zu verraten. (…). Wir kommunizieren im luftleeren Raum. (…) Was mich betrifft, und jetzt komme ich zu meinem Geständnis: Ich interessiere mich wahnsinnig für Sie, liebe Emmi! Ich weiß zwar nicht, warum, aber ich weiß, dass es einen markanten Anlass dafür gegeben hat. Ich weiß aber auch, wie absurd dieses Interesse ist. Es würde einer Begegnung niemals standhalten, (…).“ Später dann Emmi: „Fühlen Sie sich provoziert? Nein? Hab ich mir gedacht. Ich fürchte, es ist eher umgekehrt: Sie provozieren mich, Leo. Sie haben eine unorthodoxe, aber äußerst zielstrebige Art, sich bei mir immer spannender zu machen: Sie wollen gleichzeitig alles und nichts von mir wissen. Sie bekunden, je nach Tagesverfassung, Ihr „wahnsinniges Interesse“ und Ihr fast schon pathologisches Desinteresse an mir. Und das regt mich abwechselnd auf und an. (…).“

Dann gibt es wieder diese vielen schönen Wortspiele: „Ich bin für Sie wie Telefonsex, nur halt ohne Sex und ohne Telefon.“ Oder: „Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist wie küssen mit dem Kopf.“ Und auch: „(…) Sie sind nicht irgendwer. Wenn irgendwer nicht irgendwer ist, dann sind es Sie.“ Und dann folgt eine Beschreibung, die in meinen Augen eine Charakterisierung einer wirklich guten Beziehung zwischen zwei Menschen ist: „Sie sind wie eine zweite Stimme in mir, die mich durch den Alltag begleitet. Sie haben aus meinem inneren Monolog einen Dialog gemacht. Sie bereichern mein Innenleben. Sie hinterfragen, insistieren, parodieren, Sie treten in Widerstreit zu mir.“

Und es gibt regelrechten Pingpong:

Bäääh! Heute mag ich Sie nicht!“

Ich mich auch nicht.“

Das war jetzt, zugegeben, wieder recht lieb von Ihnen!“

Danke.“

Gern.“

Schlafen Sie schon?“

Selten vor Ihnen. Gute Nacht!“

Gute Nacht.“

Müssen Sie viel an Ihre Mutter denken? Ich würde Ihnen gern ein bisschen davon abnehmen.“

Das haben Sie gerade getan, liebe Emmi. Gute Nacht.“

Die beiden sind hart, sie sind weich. Sie sind kühl und heiß, verständnisvoll und zynisch, sehr nah und intim und dann wieder so fern wie nur irgend geht. Sie sind dankbar füreinander und schätzen sich auf warmherzigste Weise, um sich kurz darauf wieder aufs Empfindlichste und Aggressivste voneinander zu distanzieren.

Was hat dieses Buch eigentlich mit dieser Homepage und dieser Praxis zu tun? Es ist so menschlich und gleichzeitig so reflektiert wie die Menschen, die sich hier an diesem besonderen Ort in diesem besonderen Stadtteil Hamburgs treffen. Es geht um die Liebe, nach der wir uns alle so sehr sehnen. Und vor der wir uns gleichzeitig so fürchten. Und die wir gleichzeitig so sehr wollen und oft so wenig hinkriegen. Und wenn wir dann soweit sind, heißt das noch lange nicht, dass das Leben auf unser Bereit-Sein gewartet hat… Weil ich Expertin bin in Liebesdingen bin. Beziehungsweise in der Vergangenheit eher im Gegenteil. Das aber mit Kopf, Herz und ganz viel Authentizität und Ehrlichkeit. Und das deshalb auch bei anderen sehr gut abkann. Und weil ich bei anderen einfach schneller und klarer sehe, was Sache ist. Weil die Distanz da ist. Weil schneller ein Gefühl für Stimmigkeit oder Widersprüchlichkeit da ist. Weil ich die Fragen stelle, die du dich vielleicht nicht zu stellen traust, aber schon längst in dir hast. Weil deine Antworten auf diese Fragen die volle Wahrheit sind und dich wirklich weiterbringen.

Wer ist eigentlich der Autor?

Auf seiner Webseite finden sich die folgenden Angaben:

Daniel Glattauer, geboren 1960 in Wien, Autor und ehemals Journalist. Bücher (u.a.): Die Ameisenzählung (2001), Darum (2003), Die Vögel brüllen (2004), Der Weihnachtshund (Neuausgabe 2004), Theo. Antworten aus dem Kinderzimmer (2010). Mit seinen beiden Romanen, Gut gegen Nordwind (2006) und Alle sieben Wellen (2009), gelangen ihm zwei Bestseller, die in zahlreiche Sprachen übersetzt und auch als Hörspiel, Theaterstück und Hörbuch zum Erfolg wurden. Im Deuticke Verlag sind auch die Romane Ewig Dein (2012) und Geschenkt (2014) sowie die Komödien Die Wunderübung (2014) und Vier Stern Stunden (2018) erschienen.

Tanja Kummer vom Schweitzer Radio und Fernsehen schreibt darin über ihn: „Was Glattauer auszeichnet, ist sein Witz, aber auch sein Sinn für außergewöhnliche Ansichten und unerwartete Wendungen.”

Und A. Braunsteiner von Woman: „Beziehungskisten mit unterschwelliger, verbaler Erotik sind sein Metier. Und keiner verpackt Liebe in so pointierte Dialoge wie Daniel Glattauer.“

 

Meine Empfehlung:

Lesen!

Beziehungsweise: Noch einmal lesen!

Mit mir drüber sprechen!

Über das Buch, über dich, die Liebe, das Leben und überhaupt.

Ich für meinen Teil werde mich derweil erst einmal ans Lesen der Fortsetzung machen, die heißt „Alle sieben Wellen“ und die habe ich natürlich auch schon mal gelesen, damals…

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