Psychotherapie: Emotionstheorien und Gefühlsansteckung

 

Im Rahmen einer Autismus-Qualifizierung im Zusammenhang mit meiner sonderpädagogischen Tätigkeit habe ich einige Monate lang zahlreiche Veröffentlichungen zu diesem Thema gelesen. In diesem Zusammenhang sind mir auch einige Perlen begegnet, die im Kontext Psychotherapie/Coaching/Persönlichkeitsentwicklung von großem Interesse sein könnten, wie zu Beispiel diese hier.

 

Ich zitiere einfach unkommentiert und lasse sie für sich wirken:

Charles Darwin entdeckte in den 1860er-Jahren, dass sich einige Grundemotionen bei Menschen und bei bestimmten Tieren in dem gleichen Gesichtsausdruck äußern. Er fand weiterhin heraus, dass dieser Gesichtsausdruck auf der ganzen Welt der gleiche ist, und kam zu dem Schluss, dass einige wenige Emotionen grundsätzlicherer Art sind als andere, und hielt sie folglich für erbliche, artenspezifische, biologische Programme. Darwin fand sechs Grundemotionen und -affekte. Seitdem haben Wissenschaftler und Theoretiker wie William James, Carl Lange, Silvan Tomkins, Paul Ekman, John Bowlby, Donald Nathanson und nicht zuletzt Daniel Stern Emotionstheorien entwickelt, und heute gehen wir davon aus, dass es beim Menschen mindestens neun verschiedene Grundemotionen gibt:

 

Interesse

Traurigkeit

Wut

Ekel

Müdigkeit

Überraschung

Freude

Angst

Scham.

 

Diese Emotionen manifestieren sich durch Gesichtsausdrücke, die man sowohl unter biologischem als auch psychologischem Gesichtspunkt betrachten kann. Das Gefühl kann also infolge eines Erlebnisses oder einer Erinnerung auftreten, aber es kann ebenfalls durch biochemische Prozesse im Gehirn ausgelöst werden, beispielsweise durch die Einwirkung von Medikamenten oder Drogen. Die meisten von ihnen sind tatsächlich angeboren, nur Freude, Angst und Scham entwickeln sich in den ersten Lebensjahren.

Die unterschiedlichen Emotionen können mehr oder weniger stark empfunden werden. Man kann ein wenig traurig oder richtig unglücklich sein, ein bisschen überrascht oder total überrumpelt, und Freude, Wut und Interesse können sich auf verschiedene Weise steigern.“ Starke Emotionen können eine Menge herausforderndes Verhalten auslösen. „Niemand fängt eine Prügelei an, wenn er ruhig und entspannt ist, sondern wenn er sich aufregt. (…)

 

Gefühlsansteckung wird bei Kindern besonders deutlich. Daniel Stern hat beschrieben, wie Erwachsene Gefühlsansteckung im Kontakt mit Kindern benutzen. Wenn ein Kind sich freut, weil ihm etwas gelungen ist, sind sie es auch; und die Freude vertieft sich noch durch das gemeinsame Erleben. Ist ein Kind traurig, reden Erwachsene mit sanfter, gedämpfter Stimme mit ihm. Haben wir auf diese Weise Kontakt hergestellt, verbessern wir die Stimmung des Kindes, indem wir die Stimmlage verändern. Stern bezeichnet dies als emotionale Gestimmtheit, der er in seiner Theorie der psychologischen Entwicklung eine große Bedeutung beimisst.

Bei Erwachsenen wird die Gefühlsansteckung nicht ganz so deutlich. Wir haben gelernt, uns abzugrenzen, um uns nicht von anderen Menschen beeinflussen zu lassen. Ebenso haben wir gelernt, unsere Emotionen vor anderen zu verbergen. Diese Fähigkeiten nutzen wir in unterschiedlichem Maß in verschiedenen Beziehungen und Situationen. Von jemandem, den wir lieben und dem wir vertrauen, müssen wir uns nicht so sehr schützen, stattdessen nutzen wir die Gefühlsansteckung, um miteinander in einer Art zu interagieren, die Stern als Intersubjektivität bezeichnet. Diese wird beispielsweise darin deutlich, wie wir uns einander nähern und in dem Tanz koordinierter Bewegungen, der entsteht, wenn zwei Liebende einander gegenübersitzen. Wir nutzen unter anderem Berührungen und Blickkontakt, um die Gefühlsansteckung zu verstärken, wenn wir ein Gefühl der Nähe und Intersubjektivität hervorrufen wollen.

Unter Stress jedoch ist es schwerer, sich emotional abzugrenzen, und wir sind dann empfindlicher für die Gefühle anderer Menschen. Außerdem werden unsere Emotionen ohne den normalen Schutzschild für andere deutlicher lesbar.

Einer der Mechanismen, die die Gefühlsansteckung bewirken, ist wahrscheinlich das, was man Spiegelneuronen nennt, Hirnzellen, die sich in den Bereichen des Gehirns befinden, die die motorischen Aktivitäten steuern. Diese Zellen reagieren auf die Handlungen anderer Menschen. Lächelt uns jemand an, wird dieses Lächeln von den Spiegelneuronen gespiegelt, in denen dasselbe Aktivitätsmuster entsteht, als würden wir selbst lächeln. Es ist also nicht überraschend, dass wir kaum anders können als zurückzulächeln. (…).

Ich glaube, dass dies zur Entwicklung von Empathie gehört: Wir sind von Geburt an zur Gefühlsansteckung fähig, und irgendwann zwischen dem Alter von 18 Monaten und 4 Jahren entwickeln die meisten Menschen die Fähigkeit, zwischen ihren eigenen Gefühlen und denen anderer zu unterscheiden. Das bedeutet beispielsweise, andere Menschen trösten zu können. Einige Zeit später werden diese Fähigkeiten bei der Ausbildung von etwas benötigt, das man als `Theory of Mind´ oder Mentalisierung bezeichnet und was einen befähigt, die Gefühle, Gedanken und Absichten anderer Menschen vorhersagen zu können.

Wir setzen unsere Fähigkeit zur Mentalisierung jeden Tag und in vielen Situationen ein. Begegnet uns jemand auf einem schmalen Fußweg, müssen wir einschätzen, auf welcher Seite er wohl an uns vorbeigehen wird, damit wir nicht zusammenstoßen. Kommt uns in einer dunklen Nacht eine Horde lärmender junger Männer mit kahl rasierten Köpfen und Springerstiefeln entgegen, werden wir wahrscheinlich die Straßenseite wechseln. Am Anfang einer Liebesbeziehung muss einer von beiden die Initiative ergreifen, aber es erfordert die Fähigkeit zur Mentalisierung, um den richtigen Zeitpunkt zu wählen.

Folglich ist die Grundlage von Intersubjektivität die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen und das eigene Verhalten entsprechend anzupassen, damit man das erreicht, was Daniel Stern als intersubjektiven Tanz, also das Einstimmen der Gefühle und inneren Zustände aufeinander, bezeichnet. (…)

Auch kleine Kinder verstecken ihre Gefühle nicht vor anderen Menschen, sondern benutzen sie, um mit ihrer Umgebung zu kommunizieren. Das ist überlebenswichtig für Babys, solange sie in Bezug auf Nahrung und Körperpflege vollständig auf Hilfe angewiesen sind und noch keine anderen Kommunikationsformen kennen. Sobald sie zu sprechen anfangen, verlagert sich ihre Kommunikation auf die Sprache und die emotionale Kommunikation verliert nach und nach an Bedeutung. Zur selben Zeit entwickelt sich die Fähigkeit, die eigenen Gefühle von denen anderer zu unterscheiden und sich abzugrenzen.

Der größte Unterschied zwischen der emotionalen Ausstrahlung eines Babys und eines Erwachsenen mit eingeschränkter Intelligenz liegt in der Größe des Senders. Ein kleiner Sender übermittelt schwache Signale, ein großer stärkere. Der Größenunterschied zwischen einem Baby und einem Erwachsenen wirkt sich auch auf die körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten der Emotionen aus. Das Level der Gefühlsansteckung steigt dementsprechend, denn es ist viel schwerer, sich gegen die Signale eines Erwachsenen abzuschirmen. Dazu kommt, dass wir von Babys emotionale Signale erwarten, da diese die einzige Art der Kommunikation sind, die Ihnen zur Verfügung steht, während wir von einem Erwachsenen so heftige emotionale Signale eigentlich nicht erwarten. Die starke Gefühlsansteckung macht uns unsicher; so heftige emotionale Signale bedeuten normalerweise Unberechenbarkeit.“

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Bo Hejlskov Elvén: Herausforderndes Verhalten vermeiden. Menschen mit Autismus und psychischen oder geistigen Einschränkungen positives Verhalten ermöglichen. Tübingen 2. Auflage 2017

Foto: Pixabay

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