Psychotherapie: Autismus

 

Lorenz Wagner:

Der Junge, der zu viel fühlte.

Wie ein weltbekannter Hirnforscher und sein Sohn unser Bild von Autisten für immer verändern.

 

München 2018

Während einer Autismus-Qualifizierung im Rahmen meiner sonderpädagogischen Tätigkeit habe ich einige Monate lang zahlreiche Veröffentlichungen zu diesem Thema gelesen. In diesem Zusammenhang sind mir auch einige Perlen begegnet, wie zum Beispiel dieses unglaublich engagierte, persönliche und berührende Buch. Das möchte ich nicht nur Menschen ans Herz legen, die sich in der einen oder anderen Form mit dem Autismus-Spektrum beschäftigen. Sondern auch denen, die ein großes Interesse für Menschen, ihre Entwicklung und ihre Beziehungen pflegen. Und ja, dieser Block ist fast doppelt so lang wie meine üblichen Beiträge, aber ich möchte den Beitrag nicht in zwei Teile auseinander reißen. Daher bitte ich um Nachsicht und hoffe, dass es die wirklich Interessierten von euch genauso flasht wie mich!

 

Der Autor

Lorenz Wagner gehört zu den angesehensten Autoren Deutschlands. Als Journalist wurde er durch das bisher einzige private Interview mit BMWErbin Susanne Klatten bekannt. Wagner schrieb unter anderem Porträts über internationale Persönlichkeiten wie Amazon-Gründer Jeff Bezos und die Philanthropin Melinda Gates. Seine Geschichten als Reporter des Süddeutsche Zeitung Magazins und Chefreporter der Financial Times Deutschland wurden mit einer Vielzahl von Preisen ausgezeichnet. 2018 gewann er den renommierten Theodor-Wolff-Preis. Doch keine seine Reportagen hat die Leser so bewegt wie die Geschichte von Henry und Kai Markram, die zu den meistgelesenen Artikel des SZMagazins aufstieg und tausendfach geteilt und empfohlen wurde. Danach begleitete Wagner die Familie Markram nochmals über Monate. Daraus entstand dieses ungewöhnliche Buch.

 

Der Klappentext

Es heißt, Autisten fehle es an Empathie. Nein, uns fehlt sie. Für die Autisten.“

 

Henry Markram zählt zu den bekanntesten Hirnforschern der Welt. Seine Arbeiten gewinnen Preise, die größten Universitäten umwerben ihn nicht scheint ihn zu stoppen. Doch dann wird sein Sohn Kai geboren. Schnell wird klar: Kai ist anders, er ist Autist. Und Henry fühlt sich so hilflos wie alle Eltern. Schmerzhaft wird ihm bewusst, wie wenig seine vielbeachteten Aufsätze seinem Sohn zu helfen vermögen. Zu weit hat sich die Forschung vom wahren Leben entfernt. Und so stürzt sich Henry auf die Frage, was Autismus wirklich ist. Über Jahre hinweg forscht er in den besten Laboren. Aber erst als sich der Blick des Vaters mit dem des Wissenschaftlers mischt, sich Leben und Forschung ergänzen, gelingt ihm der Durchbruch. Und seine Erkenntnisse stürzen um, was wir bislang über Autismus zu wissen glaubten. Ein Buch so wahr und schön wie das Leben. Berührend, sprachgewaltig, bahnbrechend.

Kai liebte die Menschen. Und es war nicht schwer, Kai zu lieben. Er sprach mit den Händen. Und strahlte von innen. Er wärmte die Alten auf den Bänken mehr, als die Sonne es vermochte. Bald saßen sie wegen ihm da, dem Jungen, der erst seit Kurzem in Rehovot wohnte.“

Als Henry Markram ein autistisches Kind bekam, zählte er bereit zu den berühmtesten Hirnforschern der Welt. Seine Methode, die misst, wie Zellen sich vernetzen, wurde internationaler Standard. Doch dann kam Kai. Und Fragen und Sorgen lagen auf einmal im Kinderzimmer, zwischen Teddybär und Mondlampe. Als Vater fühlte er sich ebenso hilflos wie als Forscher: Viel zu wenig wusste die Menschheit über Autismus und andere Störungen des Gehirns. Und so nahm Henry die Forschung selbst in die Hand, um das Rätsel Autismus zu ergründen. Nach Jahren gelang ihm der Durchbruch. Und seine Antworten stellten alles auf den Kopf, was man über Autismus zu wissen glaubte.

Autisten, so die gängige Meinung, haben ein Defizit. Es fehle ihnen an Empathie, sie hätten kaum Gefühle, hieß es in Expertenkreisen. Henrys Forschung zeigt das Gegenteil: Kai fühlt nicht zu wenig, er fühlt zu viel. Seine Sinne, sein Hören, Fühlen und Sehen, sind zu fein für diese Welt. Er muss sich zurückziehen, um sich vor dem Übermaß an Eindrücken zu schützen. Eine Theorie, die weltweit immer mehr Anhänger findet.

Über Monate hinweg hat Journalist Lorenz Wagner die Familie Markram begleitet und erzählt in Der Junge, der zu viel fühlte eine berührend VaterSohnGeschichte. Zugleich taucht er ein in die Forschung des Vaters und dessen bahnbrechende Erkenntnisse über Autismus und bisher unbekannte Seiten des menschlichen Gehirns. Ein faszinierendes Buch, dass uns Autisten mit völlig anderen Augen sehen lässt.

 

Das Buch

Das rund 200 Seiten umfassende Buch ist in drei Teile unterteilt:

I Das Rätsel

II Die Jagd

III Die Erkenntnis.

 

Eine Auswahl der Inhalte

Aus dem ersten Teil:

Es gibt Krankheiten, die uns überfallen. Ein Bazillus oder Virus, Halsweh oder

Magengrummeln, wir liegen danieder, alles ist furchtbar. Aber selten sind es schlimme Leiden.

Und es gibt Krankheiten, die sich anschleichen, oft böse Leiden, Krebs, Herzinfarkt, sie überfallen uns nur scheinbar. Wer wachsam ist und Glück hat, kann sie vorher erkennen, sie haben Vorboten, Tumore müssen wachsen, Gefäße sich verengen, sie lassen sich screenen, ertasten.
Die Meister im Anschleichen sind die Leiden der Seele. Sie lassen sich nicht screenen, nicht ertasten, und selbst wenn sie ihr Werk längst begonnen haben, sind sie noch unsichtbar. Sie tarnen sich als Schrulle oder Schusseligkeit, als Tick oder kleine Verstimmung. Wen alarmiert es, wenn du dir oft die Hände wäschst – bis es sich als Zwang entpuppt. Wen sorgt es, wenn du mal niedergeschlagen bist – bis es sich als Depression erweist. Und alle lachen, wenn du mal wieder den Schlüssel suchst, bis zu dem Tag, an dem du nicht mehr nach Hause findest. Diese unsichtbaren, unfassbaren Leiden sind vielleicht die schlimmsten.“

„Dass Sprachlosigkeit auf Autismus hindeutet, daran dachte niemand. (…)

Auch hier hätten die Ärzte aufmerken können. Aha, motorische Schwierigkeiten, zwanghafte Muster, aber sie sagten nichts. (…)

Dass sich Autismus in den Augen zeigt, dass Säuglinge oft nur aus den Augenwinkeln schauen und ihre Pupillen langsamer auf Licht reagieren – darauf kam er nicht. (…)

Kais Drang nach Bewegung, sein Rennen, Springen, Klettern war ungeheuer. Nur kurz konnte er bei einer Sache bleiben, nur weniges schien ihn zu fesseln, er baute türme aus Legosteinen, suchte Schalter an Elektrogeräten, überhaupt, Technik, der Staubsauger faszinierte ihn, aber selbst da war seine Aufmerksamkeit kurz. Immer musste er irgendwo hin, etwas anschauen, etwas holen, jemanden umarmen, mit ihm reden, wieder wegflitzen, es war so auffällig, dass die Nachbarn fragten, ob die Eltern mit Kai mal bei einem Psychologen waren. (…)

ADHS. Der Vorderlappen im Gehirn versäumt, unwichtige Reize wegzufiltern. Die Kinder werden überwältigt, sie können nicht bei einer Sache bleiben.“

„Autismus. Die WHO klassifiziert es als Krankheit, Ärzte nennen es Entwicklungsstörung. Ihre Ursache, so hatte Henry an der Uni gelernt, ist unbekannt. Mehr als sechzig Theorien gibt es, woher Autismus kommt, erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts kristallisierte sich eine Antwort heraus. Autismus ist im Erbgut angelegt. Ausgelöst wird es wohl durch Umweltfaktoren, etwa durch Alkohol, Quecksilber oder Medikamente. Dies geschieht, wenn das Gehirn sich im Mutterleib ausbildet. Es muss aber noch einen weiteren Faktor geben. Es gibt Zwillinge, gleiche Gene, gleicher Mutterleib, und ein Kind ist Autist, das andere nicht. Auch was in den ersten Jahren nach der Geburt geschieht, spielt also eine Rolle.

Autisten, so behaupten die Bücher, sind keine sozialen Wesen. Sie können sich nicht in andere hineinversetzen. Sie interessieren sich kaum für andere. Sie melden Sie meiden Blickkontakte, ziehen sich zurück. Viele Autisten haben Zwänge, reihen Gegenstände aneinander, wiederholen Sätze oder schaukeln hin und her. Sie hassen Veränderung. Autismus hat viele Ausprägungen. Fachleute sprechen von einem Spektrum. Wer einen Autisten kennt, kennt genau einen und nicht alle. Jeder Autist ist anders. Manche bedürfen der Pflege. Andere sind Superhelden in Musik oder Mathematik, aber unfähig, einkaufen zu gehen. Andere leben ein eigenständiges Leben, sie wehren sich dagegen, „krank“ oder „gestört“ genannt zu werden. Für sie ist Autismus eine Wesensart, ein Merkmal. Wie andere Menschen Linkshänder oder Legastheniker sind, sind sie eben Autisten. (…)

Das Schmerzempfinden bei Autisten ist oft widersinnig: bei Verletzungen klagen sie kaum, bei Berührungen schreien sie vor Schmerz. (…)

Henry kannte niemanden, der so die Begegnung mit anderen suchte. „Hypersozial“, nennen das Psychologen. Ein hypersozialer Autist? Das war so etwas wie ein weißer Rappe. Unvorstellbar.“

Im siebten Kapitel des ersten Teils findet sich auch die ebenso atemberaubende wie verstörende Szene, als Kai in Indien auf die Kobra eines Schlangenbeschwörers zuläuft, an sie herantritt, sich vorbeugt und sie zu tätscheln beginnt!

Interessant ist auch der Hinweis auf Henrys Kollegen Michael Merzenich. Dieser galt lange als Spinner, weil er dem Gesetz widersprochen hatte, dass sich das Gehirn Erwachsener nicht mehr verändern könne. Heute ist er eine Ikone. „Die alten Lehrherren irrten, ihre Annahme war falsch. Heute wissen wir, dass bei Taxifahrern das Gehirn wächst, wenn sie das Straßennetz auswendig lernen. Wir wissen, dass der Mensch bis ins Alter lernen kann. Dass Denktechniken Schizophrenie und Depressionen lindern. Wir wissen, dass die See-Nomaden in Thailand, die im Wasser leben, unter Wasser lesen können, sich also ihr Augenreflex verändert hat, der unveränderlich schien. Das Gehirn formt sich selbst, und dafür gibt es ein Wort: Neuroplastizität.“

Die auf Autismus und ADHS spezialisierte Wissenschaftlerin in Kanada Lynda Thomson sagt: „Am Anfang wird Autismus oft mit ADHS verwechselt. In beiden Fällen haben die Kinder Mühe, sich zu konzentrieren. Die Unterschiede bilden sich erst heraus, wenn Kinder interagieren. Autisten fällt das schwerer. Oft reden sie nur über ihre Interessen oder wirken wie kleine Professoren. Auch sind Autisten sehr empfindlich, sie ertragen keinen Lärm, keine Etiketten in der Kleidung, keinen Kämmen der Haare. Ihre motorischen Fähigkeiten sind oft schlecht. Und sie verschwinden in ihrer eigenen Welt. Asperger suchen durchaus noch den Kontakt zu anderen, aber sie wissen nicht, wie sie es anstellen sollen. Asperger-Kinder sprechen oft wie Erwachsene. Und nehmen alles wörtlich. Wenn du sagst, ich bin in einer Minute da, nehmen sie es genau. In ihrer Wut sind sie schwer zu beruhigen. Sie sind ehrliche, naive, wundervolle Menschen – wenn man sie richtig behandelt. Die drei wichtigsten Regeln: Seien Sie nett. Seien Sie nett. Seien Sie nett.“

 

Aus dem zweiten Teil:

„Die Forschung schaute also nur auf die Mängel: Lernschwäche, Sprachbehinderung, Gen-Defekte. Das stellte Makram infrage. (…)

Viel wichtiger ist die Hirnrinde, und zwar jener Teil, mit dem Henry sich auskannte: der Neocortex. Dort saßen Gedächtnis, Wahrnehmung und Gefühle, das, was den Menschen zum Menschen macht, die höheren kognitiven Fähigkeiten, Anlagen, die bei autistischen Kindern gestört sind. Dort wollte Henry forschen. Er wollte sich die hemmende Neuronen anschauen. Auf den ersten Blick ein Nebenpfad. Aber hatten Menschen, deren hemmende Neuronen fehlerhaft arbeiten, nicht Krämpfe? Wie jedes dritte autistische Kind? (…)

Keine chronische Krankheit. keine Störung oder Behinderung lässt Eltern mehr leiden als Autismus. Und ist der Fall schwer, wendet sich das Kind vollständig ab und schenkt ihnen keine erkennbare Liebe, kein Wort, kein Lächeln, ist ihr Leid so tief, wie es nur sein kann. (…)

Man kann sagen: Autisten haben nun mal dieses Defizit, etwas anderes anzunehmen wäre Unsinn. Deshalb wird die Forschung unterstützt, die sich mit diesem Defizit beschäftigt. Oder man sagt: Natürlich wird nur in dieser Richtung geforscht, weil keiner mehr den Mut oder das Genie hat, keiner mehr das Geld aufbringt, sich gegen eine falsche Grundannahme durchzusetzen. (…)

Verhaltenstherapien (… ) funktionieren bei Aspergern nicht. Sie zielen auf die Symptome. (…). Es ist viel besser, sich dem Asperger-Kind über seine Vorlieben zu nähern.

Autisten fliegen oft von Schulen. Weil sie in einem anderen Takt ticken. Das Getriebe stören. Weil sie kleine Klassen brauchen, Orte und Zeiten zum Rückzug. (…) Weil die Lehrer nicht auf solche Kinder vorbereitet werden.

Im Jahr 2006 haben die Vereinten Nationen einen Vertrag verabschiedet, der zwei Jahre später in Kraft trat. Er schreibt die Rechte Behinderter fest. Das war nötig, weil die Menschheit gerne vergisst, dass Behinderte Menschen sind. Sie werden ausgeschlossen, gequält oder bemitleidet. Die Konvention schützt ihre Menschenrechte und Grundfreiheiten. Mehr als 175 Staaten haben diesen völkerrechtlichen Vertrag bis heute unterzeichnet. Einer der wichtigsten Inhalte: Behinderte haben das Recht auf Teilhabe, auf Inklusion. Sie haben das Recht, zu leben wie alle anderen. Sie sind Teil der Gesellschaft, sollen nicht in Heime, Sonderschulen, Behindertenwerkstätten abgeschoben, nicht ausgeschlossen werden. Sie sollen dort sein, wo sie hingehören: unter uns.. (…) Prüfer der Vereinten Nationen haben die Maßnahmen in Deutschland geprüft. Sie waren, wie sie es diplomatisch formulierten, besorgt. (…) So sieht es aus in den fortschrittlichen und reichen Ländern. Das Los von Autisten in der Dritten Welt ist unvorstellbar. Nun gibt es einige Länder, die Menschen die Kai die Hand reichen. Die Behinderten und Wesensfremden klüger und menschlicher gegenübertreten. Eines dieser Länder ist Israel. So gehen acht von zehn behinderten Kindern dort auf eine normale Schule, in Deutschland sind es drei. (…)

Weißt du, wo du warst, als sie Terroristen in die Zwillingstürme flogen? (…) Fast alle Menschen wissen es. Aber kaum einer weiß, wo er am 7. September war. Oder am 23. Oktober. Es hat mit deinem Gehirn zu tun, mit der Amygdala, dem Mandelkern, eigentlich sind es Mandelkerne, zwei kleine Gebiete in der Hirnrinde, die unsere Gefühle lenken. Im Mandelkern sitzt die Furcht, dort werden Gefahren bewertet, und wenn du unter Schock stehst, Angst oder Leid erfährst, so fährt dein Mandelkern die Leistung hoch, er sendet Signale an dein Gedächtnis, dein Erinnerungsvermögen, Alarm, und diesen Alarm vergisst du nicht, er schützt dich davor, ein zweites Mal in diese Lage zu geraten, hilft dir, dich vor zu sehen, der Gefahr aus dem Weg zu gehen.“

Nachdem jahrelange Tierversuche mit autistischen Ratten und hemmenden Zelle ergebnislos verlaufen waren, wurden Versuche mit den Gegenspielern, den verstärkenden Zellen, gemacht. Diese bringen einen z.B. dazu bringen, die Hand von der heißen Herdplatte zu nehmen. Sie beruhigen das Gehirn nicht, sondern regen es auf. Das Ergebnis: „Die Verstärkerzellen einer normalen Ratte haben Verbindung zu zehn anderen Zellen, die einer autistischen Ratte zu zwanzig. Ein SignalFeuerwerk, doppelt so schnell, doppelt so weit sichtbar. Wunderzellen. (…) Alles ist verstärkt? (…) Alle sprachen von einem Defizit. Und sie hatten keine Schwäche gefunden, sondern eine Stärke. Hochleistungszellen, die nicht über die üblichen Sträßchen sendeten, sondern über Signalautobahnen. Eindrücke und Wahrnehmungen rasten nur so dahin. Was die Ratten sahen, hörten und rochen ihr Gehirn verstärkte es. Sie hatten nicht zu wenig Gefühle, sondern zu viele. (…)

Ihre These: Wenn in der Hirnrinde die Eindrücke nur so rasten, so müsste das auf den Mandelkern wirken, Emotionen, Gefühle, Erinnerungen im Übermaß müssten entstehen. (…) auf einmal ergab alles einen Sinn. Kai hatte gar kein Defizit. Er spürte nicht so wenig, er spürte zu viel. Sein Rückzug war nicht die Störung – es war die Reaktion, sein 11. September, der sich täglich wiederholte. Wenn du ihm helfen willst, musst du seine Stärken handeln, nicht seine Schwächen. Und auf einmal sahen sie eine Randnotiz in den alten Studien in neuem Licht. Die Empfindsamkeit von Autisten war bekannt. Allerdings war sie nur ein Randthema, eine rührende Nebensächlichkeit, wie diese Hochbegabung, die der Film `Rain Ma so bekannt gemacht hatte. Es war aber keine Nebensächlichkeit, es war der Schlüssel.“

 

Aus dem dritten Teil:

Normales Licht empfindet ein autistisches Kind wie wir, wenn wir aus einer Höhle in die

Wüstensonne treten. Den Dauerton kann es niemals ausschalten. (…) In diesem

Doppelklang verlief Kreis Leben als Kleinkind. Zwischen Entdecker Zwang und Dauer-Jetlag. Und dann kommt der Tag, an dem der Rückzug beginnt. Sich abwenden. Weggehen. Ablehnen. Es geschieht langsam, fast unerkannt. Das Kind müsste aus der Welt fliegen, ist aber Teil von ihr, natürlich ist es das.

Verzeihen vielleicht; aber vergessen, vergessen wird Kai nicht. Henry und Kamila wussten zu gut, wie sich die Tiere im Labor verhielten. Nicht nur ihre Gefühle waren verstärkt, ihre Sinne überreizt, nein, sie vergaßen auch nicht. Jedes Trauma, jeder kleine Schmerz blieb eingebrannt. (…) Jede übersteigerte Erfahrung ist eine schlechte Erfahrung. Und sie lässt sich nicht mehr gut machen. (…)

Meist reift – also wächst – das Gehirn autistischer Kinder ungewöhnlich schnell. Je mehr Reize, desto mehr Wachstum. Aber ein System, das zu schnell wächst, scheitert. Das weiß jeder Gesellschaftsforscher und auch jeder Biologe. Bei Autisten fällt das Gehirn irgendwann wieder in sich zusammen.

Und vor lauter ÜBER geraten Teile außer Kontrolle. Einige laufen heiß, andere schalten sich ab. Das Gehirn gerät aus der Balance. (…)

Ihr Gefühlsreichtum lässt Autisten gefühlsarm erscheinen. Vor allem drei Gehirnbereiche sind betroffen: Vorderlappen, Neocortex und Mandelkern. Bei den einen steckt der Autismus mehr im Vorderlappen, bei den anderen in der Hirnrinde. Bei manchen feuern die Zellen besonders wild, bei anderen nur ein wenig stärker. Alle Formen des Autismus lassen sich so erklären – die erste übergreifende Erklärung. Die Kinder, die sich völlig zurückziehen, haben das leistungsfähigste Gehirn. Es ist unendlich traurig: Die Kinder, die am meisten empfinden, können dies am wenigsten zeigen.“

 

Autisten haben Interesse an den Menschen und der Welt, aber leider leistet der Mandelkern zu viel „und deswegen senken sie die Augenlider oder fliegt irgendwo im Schaltkreis eine Sicherung raus. Das Gehirn muss nicht angeregt, sondern beruhigt werden. Unter den Hütern der alten Lehre war durchaus bekannt, dass Autisten empfindsam sind, es war vielfach beschrieben. Sie sahen darin aber nur ein Symptom, einen weiteren Hinweis, dass ein Kind autistisch sein konnte. Sie schenkten diesem jedoch keine große Beachtung.“ Mittlerweile hat die Ärztegesellschaft Empfindsamkeit zu einem Kernkriterium von Autismus gemacht.

Dabei ist wichtig zu wissen, dass Autismus nicht vom Himmel fällt und kein Schicksal ist. „Autismus schleicht sich an, entwickelt sich. Man kann also etwas dagegen tun. Aber wie? In einer idealen Welt, in der Henry über alles Wissen, alles Geld, alle Zeit verfügte, müsste er so vorgehen:

Erstens die Gene verstehen, in denen Autismus angelegt ist, es sind mehr als 200. Zweitens die Auslöser ergründen, es gibt viele: Mangan, Quecksilber, Alkohol…

Drittens eine Nothilfe finden. Auch wenn du es in den Genen trägst, dich ein Auslöser erwischt hat – du kannst dich wehren. Es hat einen Grund, dass Autismus oft erst nach Jahren ausbricht. (…)

Autisten müssen sich schützen. Sie ertragen die Welt nur in Ausschnitten. (…)

Autismus entwickelt sich im Ungeborenen. Jede Mutter sollte zu Beginn der Schwangerschaft vorsichtig sein: Medikamente, Umweltgifte, Alkohol. Trinkt sie in der Zeit, in der sich das Neuralrohr schließt, also das Gehirn des Kindes angelegt wird, nur ein kleines Glas Wein, setzt sie ein genetisch vorbelastet das Kind der Gefahr von 1:50 aus, autistisch zu werden.

Wird Autismus erkannt, darf er nicht behandelt werden wir eine geistige Behinderung. Eine solche Behandlung verschlimmert alles. Wer das Gehirn anregt, beschleunigt Autismus.

Bei den ersten Anzeichen sollte eine Vermeidungstherapie beginnen. Sie sollte andauern, bis das Kind alle sensiblen Phasen der Hirnentwicklung durchlebt hat, das heißt, bis es mit 6 Jahren in die Schule kommt. (…). Der Ausbruch kann gemildert und vielleicht sogar vermieden werden, wenn das Kind während der kritischen Phasen in der richtigen Umgebung lebt.

Anders als ein normales Kind sollte ein autistisches Kind in einer gefilterten Welt aufwachsen, behütet, geschützt. Sein Leben sollte ruhig und vorhersehbar sein.

Die Behandlung älterer Kinder und Erwachsene ist aufwendig, aber auch ihr Leid lässt sich mildern, Krankheitszeichen lassen sich umkehren. Die Therapie ist dieselbe. Das Gehirn beruhigen, das Vergessen fördern, Ängste und Stress abbauen, also unbedingt Rituale lassen (…).

 

Zusammenfassung und Fazit

Die Kernaussagen des Buches fassen die Autoren als Syndrom der „Intensiven Welt“ wie folgt zusammen:

Bisher kam keine Theorie Autismus in seiner Vielfalt erklären. Wir stellen eine solche Theorie vor. Sie gründet auf Zellforschung und Verhaltensforschung. Autismus ist vielfältig und reicht von Behinderung bis zur Hochbegabung. Hochbegabung ist die Ausnahme, meist gelten Autisten als eingeschränkt. Die gängigen Medikamente versuchen das Gehirn anzuregen. Wir glauben, das Gegenteil ist richtig. Das Gehirn ist nicht eingeschränkt, es ist zu leistungsfähig. Es ist übermäßig vernetzt und speichert zu viele Informationen. Autisten erleben die Welt als feindselig und schmerzhaft intensiv. (…)

Überflutet von Reizen kann der Autist die Welt nur noch in Ausschnitten wahrnehmen. Diese Ausschnitte verfolgt er mit übergroßer Aufmerksamkeit und beängstigendem Erinnerungsvermögen. Dies führt zu Inselbegabungen. Aber auch zu Rückzug und Verhaltensroutinen. (…)

Wenn Autisten schwer mit Menschen umgehen können, so nicht, weil sie deren Gefühle oder Zeichen nicht deuten können. Autisten sind weder gefühlsblind, noch mangelt es ihnen an Einfühlungsvermögen. Sie erfinden empfinden nur die Welt als so schmerzhaft, dass sie Augenkontakt vermeiden und sich zurückziehen. (…)

„Hyper-Plastizität“ ist der Fachbegriff dafür. Neue Studien zeigen also eine Übersensibilität. Diese Arbeitsergebnisse sind eine Revolution und ein Affront für die bisherigen Fachkreise. Die Quintessenz ist, dass man Symptome von Autismus rückgängig machen kann. Und dass man verhindern kann, dass Autismus sich entwickelt. Dabei geht es im Labor nicht darum, Autismus zu heilen, sondern die biologischen Ursachen für das schlechte daran zu finden, zum Beispiel die Angst. Es geht darum herauszufinden, woher sie kommt, ob sie schlimm für die Person ist und sie dann zu beheben versuchen. Und darüber hinaus die Autisten so sein zu lassen, wie sie sind. „Ihre Gehirne sind anders, und wir wollen doch nicht, dass das Gehirn von allen Menschen gleich ist. Wir wollen nur, dass sie gesund, glücklich und unabhängig sein können.“

In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Studien die These von Henry und Kamila Markram gestützt. So stellte zum Beispiel ein Team von Forschern und Ärzten in Toronto fest, dass die Gehirne autistischer Kinder in Ruhe 42% mehr Informationen verarbeiten müssen als die Gehirne nicht autistischer Kinder. Und eine amerikanische Psychologin hat festgestellt, dass Autisten und Wunderkinder sich eine Gen-Mutation auf dem Chromosom I teilen.

Für die Zukunft ist Henry Markram davon „überzeugt, dass die Menschheit bei den großen Störungen und Krankheiten, ob Autismus, Schizophrenie oder Alzheimer, keinen Durchbruch erzielen kann, wenn sie das Gehirn nicht als Ganzes begreift. Wenn sie Krankheiten gegeneinander abgrenzt.“ Er sagt wörtlich: „Wir müssen verstehen, wie Krankheiten zusammenwirken. Autismus teils Symptome mit anderen Störungen. 30 Prozent der Autisten haben Krämpfe wie Epileptiker. Welche Krankheit hat nun am meisten mit Autismus gemein? Alzheimer? Parkinson? Depression? Psychose? Migräne? Niemand weiß es, niemand weiß, wie sie miteinander verwandt sind. Aber die Kliniken der Welt haben Daten dazu. Du könntest sie vernetzen. Was bei einer Störung wirkt, beeinflusst auch andere. Ein Fortschritt bei einer einzelnen Krankheit brächte alle Krankheiten voran. Das ist der Beschleuniger, den wir brauchen.“

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Foto: Pixabay

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