Psychotherapie: Hochsensibilität – Was ist das? (Teil 2)

 

Die Zahl 4

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Hochsensibilität herrscht insgesamt die Zahl 4 vor:

vier zentrale Indikatoren nach Sandra Konrad

vier Arten von Hochsensibilität nach Brigitte Küster

vier Aspekte der High Sensation Seeker (HSS)

vier Phasen der Integration nach Cordula Roemer.

 

4 zentrale Indikatoren

2013 startete nach Cordula Roemer4 in Hamburg das erste groß angelegte Forschungsprojekt zum Thema Hochsensibilität unter der Leitung der Psychologin Sandra Konrad. Sie wertete Tausende von Onlinefragebögen aus und „beschreibt das Phänomen als eine genetisch bedingte Besonderheit der reizverarbeitenden Systeme, bei dem bestimmte Bereiche des Gehirns stärker erregt und Sinneseindrücke häufiger als relevant eingestuft werden“:

 

Neigung zur Verhaltenshemmung:

Viele Feinfühlige verhalten sich eher beobachtend, langsam und verhalten und wirken dadurch eher gehemmt.

 

Größere Sensibilität auf Stimuli:

Hochsensible reagieren schnell und stark auf Reize und saugen diese auf wie ein Schwamm.

 

Bedürfnis und Fähigkeit zu tiefer und gründlicher Verarbeitung:

Die vielen aufgenommene Informationen werden dann auch noch intensiv und tiefgründig verarbeitet, was sich auch in dem Bedürfnis nach anspruchsvollen Gesprächen und Aufgaben zeigt.

 

Neigung zu emotionaler und physiologischer Reaktivität:

Viele Feinfühlige neigen dazu, fahrig und unsicher zu werden und mit physiologischen Phänomenen wie Schweißausbrüche oder Zittern zu reagieren, wenn sie sich beobachtet fühlen.

 

4 Arten von Hochsensibilität

Brigitte Küster5 klassifiziert in in ihrem Buch vier verschiedene Arten von Hochsensibilität:

 

Empathische Hochsensible

Empathische Hochsensible empfinden und reagieren stark auf Stimmungen, und zwar auf eigene und die anderer Menschen. Sie gehen mitfühlend auf die Belange anderer ein und nehmen oft schon beim Betreten eines Raums deutlich dessen Atmosphäre wahr. Eine Herausforderung für diese Menschen ist das Wahrnehmen der eigenen Grenzen, die schnell verschwimmen können.

 

Kognitive Hochsensible

Die kognitiven Hochsensiblen können einen Sachverhalt oder eine Situation gut auf analytische und intellektuelle Weise erfassen. Sie erkennen schnel Zusammenhänge oder auch Fehler im System. Ihre Gefühle zeigen sie nicht, sondern leben sie im Inneren.

 

Sensorische Hochsensible

Sensorische Hochsensible nehmen sensorische Reize wie Geräusche, Gerüche, Stoffe auf der Haut, Temperatur oder visuelle Informationen besonders intensiv auf. Ein schöner Duft kann sie intensiv beglücken, ein unangenehmer Geruch kann schnell massiv belastend wirken.

 

Spirituelle Hochsensible

Die spirituellen Hochsensiblen haben ein feines Empfinden für die immaterielle Welt und den entsprechenden Philosophien und nehmen Energien wahr, die andere – auch hochsensible – Menschen nicht nachvollziehen können. Spirituelle Hochsensible fühlen sich oft zu religiösen oder spirituellen Gruppen und zum Schamanismus hingezogen.

 

4 Aspekte der abenteuerlustigen Hochsensiblen

High Sensation Seeker (HSS) sind Hochsensible, die nicht introvertiert und still sind, sondern unternehmungslustige, kontaktstarke und dominante Menschen, die gern im Mittelpunkt stehen, stundenlang telefonieren können und ständig neue Herausforderungen und Risiken suchen.“ Nach Hensel1 teilt sich das psychologische Konstrukt „Sensation Seeking“ in vier Punkte auf:

1) Suche nach Nervenkitzel und Abenteuer

– Abwechslung durch körperlich riskante Aktivitäten,

2) Suche nach Erfahrungen

– Abwechslung durch bewegten Lebensstil (Reisen usw.),

3) Suche nach Enthemmung

– Abwechslung durch soziale Stimulation und

4) Anfälligkeit für Langeweile

– Neigung zur Unruhe, wenn keine Abwechslung geboten ist.

 

4 Phasen der Integration:

Elaine N. Aron3 hält für den Weg der Annahme der eigenen Disposition vier Schritte für notwendig: 1. Selbsterkenntnis, 2. Neubewertung, 3. Heilung und 4. Hilfe.

Diese vier und weitere Aspekte finden auch in Cordula Roemers4 HSP-4-Phasen-Integrationsmodell Berücksichtigung:

 

Phase I: Die Erkenntnis

Die Erkenntnis der eigenen Hochsensibilität ist der erste Schritt zur Integration und hat damit einen ganz besonderen Stellenwert. Die Art und Weise des Entdeckens sowie die emotionale Haltung dazu prägt – zumindest in Teilen – den weiteren Umgang mit dem Wissen um Hochsensibilität. So können entweder Zweifel und Unsicherheiten oder Freude und Erleichterung in der ersten Integrationsphase überwiegen.“

 

Phase II: Die geistig-emotionale Integration des Phänomens

Die Phase der geistig-emotionalen Integration ist eine der zentralen Etappen im hochsensiblen Integrationsprozess.“ Sie „beginnt mit der Überprüfung der eigenen Lebensumstände in Hinblick auf die eigene feinfühlige Veranlagung. Es geht hierbei um das wachsende Verständnis von Hintergründen, Prinzipien und Zusammenhängen, die zu den typischen Belastungen eines hochsensiblen Lebens führen. Dazu gehören sowohl vergangene Erfahrungen als auch die aktuellen Alltagsbedingungen. Das Reframing, also die Umdeutung früherer schmerzhafter Erlebnisse, ermöglicht ein neues Verständnis für die damalige Situation und für sich selbst. Ein positiv verlaufendes Reframing kann zu einer inneren Versöhnung mit Menschen oder eigenen, bislang abgelehnten Persönlichkeitsanteilen führen.“

 

Phase III: Die praktische Integration der Hochsensibilität

Die dritte Phase des hochsensiblen Integrationsprozesses ist durch viele praktische Schritte gekennzeichnet. „So steht in der Regel das Bedürfnis nach Kontakt mit anderen hochsensiblen Menschen ganz oben au der Wunschliste.“ Das Kennenlernen „Gleichgearteter“ kann zu positiven und auch irritierenden Erfahrungen des Gespiegeltwerdens und des Austausches führen.

 

Phase IV: Der sichtbare Hochsensible

Veränderung geschieht von innen nach außen. In der letzten Phase des Integrationsprozesses geht es darum, die Hochsensibilität auch bewusst für andere sicht- und fühlbar werden zu lassen und das Umfeld zu informieren oser zu verändern – ganz nach deinen Ambitionen und Möglichkeiten. Es gilt, zu den eigenen Bedürfnissen, Grenzen, Fähigkeiten und Gaben zu stehen. Dazu gehört der Lernprozess, Verdrängtes wieder auszudrücken und durch die Umsetzung der eigenen Bedürfnisse einen Positivkreislauf in Gang zu bringen. „Dieser Positivkreislauf ist eine notwendige Basis, um mit und für die Hochsensibilität zu wirken. (…) Hochsensible Qualitäten werden immer und überall gebraucht, auch wenn es nicht immer allen bewusst ist.“

Beate Felten-Leidel2 schreibt: Glücklicherweise kann man die vielen negativen elterlichen und gesellschaftlichen Botschaften, falschen Selbstbilder und unklaren Regeln, die man als Kind übernommen hat, als Erwachsener nachträglich noch außer Kraft setzen, indem man mit seinem inneren Kind Kontakt aufnimmt und es tröstet und stärkt. Gerae Hochsensible haben oft einen intuitiven Zugang zur eigenen Seele und verfügen über sehr gute Selbstheilungskräfte. Wer sein inneres Kind liebevoll annimmt, kann alte Wunden schließen und verschüttete Emotionen endlich zulassen und fördern. Oft stellt sich dabei sogar heraus, dass in unseren vermeintlichen Schwächen unsere größten Stärken verborgen liegen. Man braucht nur jemanden, der einem den richtigen Weg zeigt.“

Hensel führt aus: „Hochsensible Menschen, die um ihre spezielle Andersartigkeit noch nicht wissen, nehmen sehr häufig an, mit ihnen stimme etwas nicht, sie seien krank oder behandlungsbedürftig, und sie versuchen, dagegen anzukämpfen, um am Ende wieder mit dem eigenen „Unvermögen“ konfrontiert zu sein. Die negativen Rückmeldungen der Menschen in ihrer Umgebung bestätigen die irrige verinnerlichte Meinung, sie seien verkehrt, am laufenden Band. Natürlich fällt den Hochsensiblen immer wieder auf, dass die meisten anderen unbeschadet und froh Dinge tun, die für sie selbst unerträglich sind. In der Folge setzen sich viele unter Druck, meinen, sich der Mehrheit anpassen zu müssen.“ + „Nicht-Hochsensible haben wenig Anlass, ihr Sosein infrage zu stellen, weil sie konform mit der Mehrheit der Menschen sind und sich demzufolge ganz selbstverständlich als „normal“ betrachten. Aus diesem Blickwinkel heraus schauen sie auf die Eigenarten, Verhaltensweisen und Reaktionen der Hochsensiblen. So kommt es, dass sie Hochsensible für überempfindlich, ängstlich, scheu, schüchtern, gehemmt, schwach oder gar hysterisch und neurotisch halten. All diese Zuschreibungen missdeuten den Wesenszug komplett und rufen bei Hochsensiblen Frustration und Resignation, auch Wut und Aggression hervor. Umgekehrt sehen Hochsensible vor dem Hintergrund ihrer Erlebniswelt die Nicht-Hochsensiblen häug´fig als laut, rücksichtslos, stumpf, egoistisch, rüprlhaft usw. an, was gleichermaßen einer subjektiven Deutung entspringt.“

Felten-Leidel vermutet, dass sich in ihrer Kindheit wahrscheinlich viele ihrer Nöte mit kleinen empathischen Hilfestellungen und Erklärungen hätten lindern lassen. Z.B.: „Du hast von Natur aus besonders intensive Gefühle, aber das ist nichts Schlimmes. Das bedeutet nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt. Du fühlst und merkst einfach mehr als andere. Es gibt viele Kinder, die so sind wie du, auch wenn du dir das im Moment nicht vorstellen kannst. Du bist damit nicht allein.“ Oder: „Ich sehe, dass du schrecklich aufgeregt bist. Was ist denn passiert? Magst du mir erzählen, was dich so quält oder dir Angst macht? Zusammen kriegen wir das bestimmt wieder hin.“1

 

Hochsensible müssen gut für sich sorgen

Hensel: betont: „Ganz allgemein ist es für Hochsensible unbedingt erforderlich, dass sie bei allem, was sie tun und sich vornehmen, ihr Wesen berücksichtigen. Ihr hochempfindsamer Körper ist immer wieder auf ihre Aufmerksamkeit und ihre Fürsorge angewiesen. Er kann Signale senden, sie müssen sie ernst nehmen, lernen zu verstehen und sich dementsprechend zu kümmern. Abgesehen von Schlaf und Erholung brauchen Hochsensible auch einfach immer wieder eine Auszeit, bloß um den Tag Revue passieren zu lassen und über die Geschehnisse nachzudenken. (…). Sie müssen auf physiologischer und psychologischer Ebene etwas finden, was ihre Nerven beruhigt und ihnen als Kraftquelle dient.“

Das Dilemma ist dabei immer, sich entweder aus der Gemeinschaft herauszunehmen oder sich über Gebühr zu strapazieren. Grundsätzlich ist es zweckmäßig, Freunde einzuweihen und ihnen den Wesenszug Hochsensibilität zu erklären, damit sie die jeweiligen Reaktionen und Verhaltensweisen besser einordnen können und nicht etwa persönlich nehmen – aber nicht als Opfer, sondern mit „einem Bild einer starken Persönlichkeit mit einer besonderen Wahrnehmungsbegabung, die mit einer erhöhten Reizempfindlichkeit und emotionalen Verletzlichkeit einhergeht“ (Hensel). Aber nicht zu viel Verständnis und Fürsorge erwarten, weil das Erleben der

Worum es im Endeffekt geht: Das Sich-Erkennen kann hochsensiblen Menschen helfen, sich selbst besser zu verstehen und mit sich ins Reine zu kommen, mit ihrer Eigenart konstruktiv umzugehen, belastende Lebensumstände mit Entschlossenheit zu verändern, besser mit den schwierigen Seiten der Hochsensibilität zurechtzukommen, selbst mehr Nutzen zu ziehen aus den bereichernden Seiten, andere mehr von den eigenen Stärken profitieren zu lassen und harmonischere Beziehungen zu ihren Mitmenschen zu erreichen.“

Hochsensibilität ist keine Persönlichkeitsstörung oder eine andere Art von psychischer Störung! Es ist ein Persönlichkeitsmerkmal einer sehr großen Minderheit, ohne die keine Gesellschaft auskommen kann.

Dieser neue Blickwinkel ist allerdings „unbekannt, ungewohnt und löst unter Umständen beängstigende Gefühle aus. Da die Psyche immer bestrebt ist, einen möglichst stabilen Zustand zu schaffen und zu erhalten, wird sie anfänglich also eine Veränderung hin zur neuen Sichtweise abwehren, und zwar so lange, bis ich diesbezüglich genügend positive und bestärkende Erfahrungen gemacht habe“ schreibt Roemer. Und: „Die Lebensbedingungen in unserer Gesellschaft sind ausschließlich an den Bedürfnissen, Fähigkeiten und Empfindungsweisen der normalsensiblen Menschen ausgerichtet. (…) Der Feinfühlige bewegt sich im Laufe seines Lebens oftmals in Gruppen, in denen die meisten Normalsensible sind. Diese Gruppen sind geprägt von der Wahrnehmungsart, der Umgangsweise und dem Werteempfinden Normalsensibler. Für den Feinfühligen bedeutet dies eine tägliche Konfrontation mit seiner Andersartigkeit, denn er ist in der Minderzahl und passt sich mehr oder weniger stark an die Mehrheit an. (…) Das Fatale an diesen automatischen Anpassungsmechanismen ist, dass sie so schnell, unbewusst und auch sehr früh im Leben eines Menschen einsetzen. Für uns Hochsensible bedeutet dies unter Umständen, dass wir uns bereits schon in früher Kindheit von unseren eigentlichen Wesenszügen entfernt haben. (…) Eine hochsensible Identität kann daher ene gewisse Inkonsistenz aufweisen. Dies ist für die Betreffenden meist spürbar, wenn auch unbewusst, und erzeugt Gefühle wie Irritation, Unsicherheit, Selbstzweifel, Desorientierung oder ein Sich-falsch-Empfinden. (…) Zwei Faktoren führen meines Erachtens zu einem schlechten Selbstbewusstsein: 1. unberücksichtigte kindliche Bedürfnisse und 2. frühe und permanente Anpassung an unpassende Bedingungen.“ Selbstunsicherheit:

Doch, Sie können etwas für Ihre Unsicherheit. Es ist Ihre Verantwortung, inwieweit sie Ihnen bewusst ist, und es ist Ihre Verantwortung, ob Sie an dieser Unsicherheit etwas verändern möchten oder werden. (…) Nun geht es darum, Ihre Veranlagung anzunehmen und zumindest in ihrem eigenen Leben aktiv zu praktizieren. Zusätzlich gilt es, die alten Verletzungen (…) zu heilen. Nun können Sie mithilfe Ihrer Gaben und Qualitäten Ihre lichtvollen und hochsensiblen Seiten ins Leben bringen.“

Ich glaube, den richtigen Weg kennst du schon selber. Vielleicht brauchst du aber noch ein wenig Bestärkung und Unterstützung!? Ich reiche dir gerne meine Hand und begleite dich ein Stück deines Weges. Und dabei ist es sicherlich mehr als hilfreich, dass ich das Phänomen nicht nur aus der Fachliteratur kenne! 😉

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1 Ulrike Hensel: Mit viel Feingefühl. Paderborn 2013

2Beate Felten-Leidel: Von wegen Mimose. Köln 2015

3Elaine N. Aron: Sind Sie hochsensibel? München 2009

4Cordula Roemer: Hurra, ich bin hochsensibel! Und nun? Berlin 2017

5Brigitte Küster: Hochsensibilität, Holzgerlingen 2011

Foto: Pixabay

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