Tranquilla Trampeltreu, die beharrliche Schildkröte

frei nach Michael Ende* und ohne jeglichen Kommentar! 😉

 

Die Schildkröte Tranquilla Trampeltreu sitzt eines schönen Morgens im Sonnenschein vor ihrer Höhle und futtert ein Blatt.

Über ihr in den Zweigen eines alten Ölbaumes spricht das Taubenpärchen Sulaika und Salomo Silberkropf von der bevorstehenden Hochzeit des Großen Sultans aller Tiere, Leo dem Achtundzwanzigsten. Alle Tiere sind eingeladen und müssen sich beeilen, denn der Weg zur Löwenhöhle ist weit und das Fest soll schon bald stattfinden. Also fliegen die Tauben gleich los.

Tranquilla Trampeltreu hat das Gespräch mit angehört und denkt den ganzen Tag und die ganze Nacht darüber nach, auch auf das schönste aller Feste zu gehen. Schließlich steht ihr Entschluss fest. Als die Morgensonne aufgeht, setzt sie sich in Bewegung. Schritt für Schritt. Langsam zwar, aber unaufhaltsam.

Als sie schon fast den ganzen Tag unterwegs ist, kommt sie an einem Dornenbusch vorüber. Dort wohnt die Spinne Fatima Fadenkreuz inmitten ihres wundervollen Netzes. Sie fragt die Schildkröte, wohin sie denn so eilig wolle und kichert beim Vernehmen der Antwort. Sie fragt Tranquilla, wie sie – als Langsamste der Langsamen – denn je beim Hochzeitsfest ankommen wolle. „Schritt für Schritt“, sagt die Schildkröte. Fatima gibt zu bedenken, dass die Hochzeit schon in zwei Wochen stattfinden wird. Daraufhin schaut Tranquilla Trampeltreu zuversichtlich auf ihre kurzen, stämmigen Beine und gibt sich sicher, rechtzeitig dort zu sein. Die Spinne fordert sie mitleidig auf, vernünftig zu sein und wieder nach Hause zu gehen. Tranquilla aber antwortet: „Mein Entschluss steht fest.“

Tranquilla Trampeltreu wandert weiter über Stock und Stein, bei Tag und bei Nacht. An einem kleinen Teich macht sie Rast, um zu trinken. Auf einem Efeublatt sitzt die Schnecke Scheheresade Schleimig und beguckt die Schildkröte mit ihren langen Stielaugen. Als Tranquilla ihr erzählt, wo sie hinwill, macht die Schnecke sie entsetzt darauf aufmerksam, dass sie in die komplett falsche Richtung gelaufen ist. Sie hätte nach Süden und nicht nach Norden gemusst. Tranquilla Trampeltreu bedankt sich freundlich für den Hinweis und dreht sich umständlich in die entgegengesetzte Richtung. Daraufhin ruft die depressive Schnecke weinerlich aus, dass das Fest bereits übermorgen sein wird. Tranquilla sagt, dass sie schon rechtzeitig da sein werde. Die Schnecke glaubt nicht daran und meint, dass alles umsonst gewesen sei. Tranquilla schlägt ihr vor, sich auf ihren Panzer zu setzen und mitzukommen. Die Schnecke schlägt das Angebot aus. Sie ist davon überzeugt, dass es viel zu spät ist. Statt dessen bittet sie die Schildkröte, bei ihr zu bleiben und sie zu trösten. Tranquilla Trampeltreu sagt aber freundlich: „Das geht leider nicht. Mein Entschluss steht fest.“

Mit diesen Worten setzt sie sich erneut in Bewegung, nun in die entgegengesetzte Richtung. Wieder wandert sie viele Tage lang über Stock und Stein, bei Tag und bei Nacht. Schließlich begegnet sie dem Eidechserich Zacharias Zierfuß, der auf einem Stein in der Sonne liegt und döst. Als die Schildkröte näher kommt, öffnet er ein Auge und spricht sie an. Als Tranquilla Trampeltreu ihm erzählt, dass sie vom alten Ölbaum kommt und zur Löwenhöhle auf die Hochzeit des Großen Sultans möchte, fragt er die Schildkröte herablassend, wie sie denn jetzt noch dahin kommen wolle. „Schritt für Schritt“, sagt Tranquilla. Nun klärt die Eidechse als hoher Beamter des Löwenhofes sie darüber auf, dass die Hochzeit erstens bereits vor einer Woche gewesen wäre und zweitens vorläufig abgesagt wurde, da Leo der Achtundzwanzigsten ganz plötzlich in den Krieg gegen Tiger Sebulon Säbelzahn ziehen musste. Die Schildkröte könne also wieder nach Hause gehen. „Das geht leider nicht“, antwortet Tranquilla Trampeltreu, „mein Entschluss steht fest“.

Damit lässt sie den Eidechserich links liegen und stapft weiter. Wieder wandert die Schildkröte viele Tage lang über Stock und Stein, bei Tag und bei Nacht. Als sie eine Felsenwüste durchquert, begegnet sie einer Gruppe Raben, die auf einem dürren Baum hocken. Tranquilla Trampeltreu hält an, um sich nach dem Weg zu erkundigen. Der Rabe Hatschi Halef Habakuk stellt sich als Weiser vor und die Schildkröte fragt ihn nach dem Weg zur Höhle des Großen Sultans, Leos des Achtundzwanzigsten. Der Rabe antwortet, dass der Sultan jetzt an einem Ort weilt, an den niemand hingelangen kann. Tranquilla widerspricht mit ihrer üblichen Antwort: „Schritt für Schritt.“ Habakuk bezeichnet sie als verblendet, da ihr Ziel längst vergangen sei und niemand die Vergangenheit einholen kann. Tranquilla Trampeltreu meint aber, dass sie schon rechtzeitig da sein werde. Der Rabe hält dies für unmöglich, da der Große Sultan vor wenigen Tagen begraben wurde. Er war im Kampf mit dem Tiger Sebulon Säbelzahn so schwer verwundet worden, dass er sterben musste. Tranquilla äußert ihr Bedauern und Habakuk meint, sie solle heimkehren oder dort bleiben und mit den Raben gemeinsam trauern. Tranquilla Trampeltreu entgegnet wieder freundlich: „Das geht leider nicht, mein Entschluss steht fest.“

Damit macht sie sich von Neuem auf den Weg, während die Raben ihr missbilligend hinterher schauen. Wieder stapft Tranquilla Trampeltreu viele Tage über Stock und Stein, bei Tag und bei Nacht. Zuletzt gelangt sie in einen Wald voller blühender Bäume. In der Mitte des Waldes liegt eine große Blumenwiese. Auf dieser Wiese findet sie viele Tiere versammelt, große und kleine, alte und junge, dicke und dünne, nasse und trockene. Alle sind sehr vergnügt und warten voll freudiger Erwartung. Tranquilla fragt einen kleinen Seidenaffen nach dem Weg zur Höhle des Großen Sultans. Das Äffchen Jussuf Juckfinger ruft aus, dass sie schon davor stehe. Daraufhin fragt Tranquilla, ob dies vielleicht die Hochzeit des Großen Sultans Leo des Achtundzwanzigsten sei. Daraufhin ruft der kleine Seidenaffe: „Aber nein! Du musst von wirklich sehr weit her kommen. Jeder weiß doch, dass heute unser neuer Großer Sultan, Leo der Neunundzwanzigste, seine Hochzeit feiert!“

In diesem Moment erscheint im Eingang der Höhle ein schmucker junger Löwe mit einer gewaltigen Mähne, die wie die Sonne leuchtet. Und neben ihm steht eine wunderschöne junge Löwin. Alle Tiere bejubeln sie und tanzen und spielen und schmausen und singen bis tief in die Nacht hinein. Dabei leuchten die Glühwürmchen und die Nachtigallen und Grillen musizieren. Es ist tatsächlich das allerschönste Fest, das es je gegeben hat. Und mitten unter all den Hochzeitsgästen sitzt Tranquilla Trampeltreu – ein bisschen müde zwar, aber sehr glücklich – und sagt: „Ich hab´s doch immer gesagt, dass ich rechtzeitig da sein werde.“

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*Michael Ende: Die Zauberschule und andere Geschichten. Stuttgart; Wien 1994

Fotos: Pixabay

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