Psychotherapie: Hochsensibilität – Was ist das? (Teil 1)

 

Ja, ich bin es auch.

Nein, ich habe es Jahrzehnte lang nicht gewusst.

Nein, wir müssen nicht immer mit Samthandschuhen angefasst werden.

Nein, wir müssen uns nicht immer an die Masse anpassen.

Wenn mir jemand sagt: „Mach dir nicht so viele Gedanken!“ oder „Leg dir mal ein dickeres Fell zu!“, dann denke ich: „Atme nicht so viel!“ oder: „Sei nicht so!“.

Hä? Ganz genau!

 

Ulrike Hensel1 fasst eine Reihe von idiomatischen Redewendungen zusammen, die für hochsensible Menschen verwendet werden, u.a.:

Sie haben eine dünne Haut,

sind zart besaitet,

reagieren wie eine Mimose,

hören das Gras wachsen,

bekommen mit, wenn etwas in der Luft liegt und

verfügen über den sechsten Sinn.

 

Beate Felten-Leidel2 schreibt zu Assoziationen wie dünn, zart, schwach: „Hochsensible sind alles andere als schwach. Wer doppelt und dreifach so viele Sinnsesreize und Emotionen in derselben Zeit wie andere erfassen und verarbeiten muss, wer so intensiv fühlt und ungefiltert wahrnimmt und unter dieser Last nicht dauernd zusammenbricht, muss sehr stark sein.“

Die Hochsensibilität ist ein relativ junges Thema in der Wissenschaft. Allerdings haben sich schon Anfang des letzten Jahrhunderts einige Forscher wie z.B. der russische Mediziner und Physiologe Iwan Pawlow mit Aspekten dieser Veranlagung befasst. Er forschte über Erregungsprozesse im Nervensystem und führte Belastungstests durch. Dabei beschallte er Probanden mit Lärm und untersuchte, ab welchem Punkt sie sich durch Muskelverspannungen, Schweißausbrüche oder andere Abwehrmechanismen gegen die Belastung wehrten bzw. aufgrund der Überstimulierung verschlossen. Er stellte fest, dass sich entgegen der ursprünglichen Erwartung keine Gauß´sche Normalverteilung in der gesamten Versuchsgruppe zeigte. Vielmehr gab es zwei verschiedene Gruppen: Die größere Gruppe reagierte normalverteilt, d.h. wenige reagierten früh, viele etwas später und andere wenige hielten den Lärm relativ lange aus. Die kleinere Personengruppe reagierte deutlich früher in abwehrender Weise auf die Belastung. Seine Untersuchungen machten somit einen markanten Unterschied zwischen empfindsam und „normal“ reagierenden Probanden sichtbar.

Auch der US-Psychologe Jerome Kagan, einer der Pioniere der Entwicklungspsychologie, berichtet von interessanten Beobachtungen: Etwa 20% aller Babies , die zu ihm ins Labor gebracht wurden, reagierten bereits im Alter von vier Monaten empfindlich auf fremde Gegenstände, Personen und Situationen wie Stimmen von einem Tonband oder Mobiles, indem sie mit Armen und Beinen zappelten und den Rücken durchdrückten. Er spricht in diesem Zusammenhang von hochreaktiven Kindern.

Zudem haben Verhaltensbiologen bei der Erforschung von Reizsensibilität bei Tieren festgestellt, dass in vielen Tierpopulationen eine Minderheit stärker auf Umweltreize reagiert und auf diese Weise Informationen aufnimmt, die den meisten Artgenossen verborgen bleibt. Das englische Fachwort dafür ist responsiveness.

Die fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema startete im Grunde aber erst Anfang der 1990er Jahre mit der Arbeit der amerikanischen Psychologin und Psychotherapeutin Elaine N. Aron, wie Hensel erläutert. Sie sprach in Seminaren und Einzelsitzungen mit Hunderten von Hochsensiblen, führte eigene Forschungsarbeiten durch und wertete in großem Umfang psychologische Fachliteratur aus. Sie setzt sich mit viel Engagement für ein neues Selbstverständnis und Selbstbewusstsein bei Hochsensiblen ein. Sie beschrieb zum ersten Mal „ausführlich und einfühlsam ein Phänomen, dass die meisten „Betroffenen“ bisher fast nur als irritierend, beängstigend oder belastend empfunden hatten. Das Leben bekommt einen anderen Bezugsrahmen. Diese Neubewertung nennt man „Reframing“. Sie kann Fehldeutungen zurechtrücken, alte Wunden heilen oder zumindest erklären, wie es dazu gekommen ist.“

Auf Arons Erkenntnissen beruhen auch die Zahlen, die sich in der Fachliteratur finden lassen: 15 – 20% aller Menschen haben die Disposition der Hochsensibilität, unabhängig von Alter, Geschlecht und Kultur. Aron erkannte hinter einigen Phänomenen, die bis dahin als psychologische Störungen eingestuft worden waren, ein gemeinsames Muster: eine deutlich erhöhte Aufnahmebereitschaft für äußere und innere Reize und deren intensive Verarbeitung. „Dies bedeutet, dass die Betroffenen – überwiegend unbewusst – in einer vergleichbaren Situation deutlich mehr Informationen und Reize sowohl aus der Umwelt als auch aus dem eigenen Inneren aufnehmen als Normalsensible, schreibt Aron3. Dazu kommt dann noch eine intensivere neuronale Verarbeitung der Stimuli.

Roemer4 betont, dass das Phänomen der Hochsensibilität nach bisherigen Erkenntnissen als dauerhaftes Temperamentsmerkmal gilt. Auch ist Hochsensibilität keine Krankheit oder Störung, sondern eine Variation im neuronalen System. Sie weist darauf hin, dass dies – unter förderlichen Bedingungen – zu besonderen bis überragenden Leistungen führen kann. Außerdem verweist sie auf Untersuchungen, die der Hochsensibilität eine wichtige Funktion im Rahmen der menschlichen Evolution zuschreiben. So besagt eine Theorie, dass die Evolution zwei Typen von Lebewesen hervorgebracht hat: einen responsiven oder „ansprechempfindlichen“ Typus und einen unresponsiven. Diese beiden unterschiedlichen Verhaltensweisen scheinen biologisch erfolgreiche Überlebensstrategien abzubilden, nämlich einerseits offensives Verhalten, das für eine erfolgreiche Strategie sorgt und andererseits beobachtendes Verhalten, durch das eine Situation abgesichert wird. Die größere Gruppe sorgt mit ihrem risikofreudigen Verhalten für schnelle und pragmatische Ergebnisse, während die kleinere Gruppe z.B. als Warner dafür sorgt, Gefahren abzuwehren.

 

Exkurs zur „Normalität“

Begriffe wie „normal“ und „Normalität“ setze ich als Sonderpädagogin und Heilpraktikerin für Psychotherapie grundsätzlich in Anführungszeichen. Gerade in Zeiten einer neuen kulturellen Revolution, einer allgemeinen Inklusion im Bereich der Pädagogik und Gesellschaft mit Slogans wie: „Wir sind alle anders“, einer erweiterten Definition von Gender und Rollenbildern usw. lässt sich ein Norm-Begriff, der sich an Quantitäten und Massenphänomenen orientiert, grundsätzlich nicht mehr halten.

 

Typische Merkmale

Experten „verstehen Hochsensibilität als eine möglicherweise genetisch bedingte Veranlagung, bei der die Filter für äußere und innere Reize anders funktionieren als bei anderen Menschen: Sie sind sehr viel durchlässiger. Das hoch reaktive Nervensystem läuft ständig auf Hochtouren. „Highly sensitive persons“ oder HSP, wie Elaine Aron sie nennt, nehmen Geräusche, Gerüche, Lichtreize, Berührungen, Körpersymptome und Schmerzen, ihre eigenen Gedanken und Stimmungen und sogar die Stimmungen und Gemütsregungen anderen Menschen überdurchschnittlich intensiv wahr. Ihre Antennen sind ständig ausgefahren, in ihrem Kopf brennt Tag und Nacht analytisches Licht. Sie stehen daher oft unter Dauerstress und müssen vermehrt auf sich achten, um nicht von Reizen und Emotionen überflutet zu werden. Sie brauchen mehr Zeit, um Erlebtes und Wahrgenommenes zu verarbeiten und einzuordnen. Vor allem negative Erlebnisse hallen lange nach. Oft müssen Hochsensible erst mühsam lernen, sich gegen Übergriffe zu schützen und ihren persönlichen Wohlfühlabstand, ihre optimale Reizschwelle, ihre individuellen Ruheoasen, ihre inneren und äußeren Kraftorte und „Druckventile“ zu finden. Viele Hochsensible lassen sich leicht verunsichern, wittern überall Gefahr, neigen zu Selbstzweifeln, Weltschmerz und Schüchternheit, sehnen sich nach Harmonie und Ruhe.“2

Hensel schreibt: „Unter Hochsensibilität versteht man eine erhöhte Empfänglichkeit für äußere und innere Reize aufgrund eines veranlagungsbedingt besonders leicht erregbaren Nervensystems. Das führt zu einer nuancenreicheren, intensiveren und subtileren Wahrnehmung, einer höheren emotionalen Reaktivität und einer gründlicheren Informationsverarbeitung als bei der Mehrheit der Menschen.“ Zugleich räumt sie mit gängigen Vorurteilen auf: „Hochsensibilität ist keine Krankheit, keine Störung, kein therapiebedürftiger Zustand, kein Makel (…). Vielmehr ist Hochsensibilität eine angeborene Variation in der Ausprägung des Nervensystems (…)“ und warnt davor, Menschen auf ihre Hochsensibilität zu reduzieren, da jeder Mensch ein einzigartiges und wundervolles Original ist. Ebenso weist sie deutlich darauf hin, dass es an sich weder gut noch schlecht sei, hochsensibel zu sein. Auch betont sie, dass Hochsensibilität keine Aussage über Extrovertiertheit oder Introvertiertheit beinhaltet, da es hingegen der landläufigen Meinung „sehr wohl extravertierte, unternehmungs- und abenteuerlustige Hochsensible“ gebe! Zudem sei

Hochsensibilität „angeboren und bleibt das ganze Leben bestehen, auch wenn sich Erscheinungsformen wandeln können. Jede Bemühung sie loszuwerden vergeudet wertvolle Energie.“

Roemer beschreibt das Phänomen der Hochsensibilität so, dass das neuronale System dieser Menschen dafür ausgestattet ist, viele Signale aufzunehmen, sie intensiv zu verarbeiten und zu qualitativ verwerten. In wieweit diese Prägung gelebt wird, hängt vom sozialen Umfeld ab.

 

Typische Merkmale, die auch in entsprechenden Tests abgefragt werden, sind u.a.:

– ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, denn das impliziert Ausgewogenheit und Harmonie

– ausgeprägtes intuitives Denken durch starke Nutzung der rechten Gehirnhälfte

– ausgeprägte subtile Wahrnehmung in Gedanken und Phantasie

– besondere Wachheit Details und Situationen gegenüber

– gewissenhaft und verantwortungsvoll durch Weitblick, sehen Auswirkungen

– ggf. Empfindlichkeit bei Alkohol, Koffein, Medikamenten

– große haptische Empfindsamkeit (Stoffe und Etiketten kratzen)

– großes Harmoniebedürfnis, da Stress und Streit Reizüberflutung bedeuten

– hohe Begeisterungsfähigkeit durch schnelle Erregbarkeit des Gehirns

– hohe Reizaufnahme, überwiegend unbewusst

– langer emotionaler Nachklang von Erlebtem

– leichtes Erschrecken

– meiden oft Menschenmassen, da zu viele Reize

– oft sehr einfühlsam durch die detaillierte Wahrnehmung des Gegenübers

– Perfektionismus

– psychosoziale Feinwahrnehmung: Befindlichkeiten, Emotionen, Stimmungen anderer

– reges Innenleben (Gedanken, intensive Problemlösungsbearbeitung)

– schnelle psychophysische Aufregung/Erregung

– sensorische Empfindlichkeit (Gerüche, Haut, Lärm, Licht …)

und dadurch schnelle Überreizung und Erschöpfung und scheinbar weniger

belastbar

– Sinn-Suche im Leben, denn das gibt Struktur

– stärkeres Rückzugsbedürfnis zur Verarbeitung der aufgenommenen Reize

– vielseitige Interessen, da viele Informationen auf vielfältige Weise verarbeitet werden

– z.T. sehr ausgeprägtes Langzeitgedächtnis.

 

Reizfilteroffenheit

Hensel schreibt zur Wahrnehmung und zur Reizfilteroffenheit bei hochsensiblen Menschen: „Wahrnehmung ist immer ein Filterprozess. Das, was uns bewusst wird, ist das Ergebnis eines Auswahlvorgangs, in dem einzelne Aspekte der Welt rings um uns und der Innenwelt erkannt, andere ausgeblendet werden. Die Filterung dient vom Grundsatz her der automatischen Unterscheidung von (im Moment) wichtig/relevant und unwichtig/irrelevant und sorgt dafür, dass das Bewusstsein (…) nicht überlastet wird und funktionsfähig bleibt.“

(…) bei Hochsensiblen die neurologischen Wahrnehmungsfilter weniger ausgeprägt sind, weshalb schon deutlich geringere Reize die Wahrnehmungsschwelle übersteigen und ind Bewusstsein gelangen. Daher spricht man auch von einer größeren Reizempfänglichkeit und einer Reizoffenheit. Während Nicht-Hochsensible Störreize (zum Beispiel das leise Radio oder Gespräche im Hintergrund) nur zu Anfang bewusst wahrnehmen und dann weitgehend ausblenden, nachdem sie sie als irrelevant klassifiziert haben, scheint es so, dass Hochsensible permanent aufmerksamer für die Reize ihrer Umgebung bleiben. Sie sind weit weniger in der Lage, einen Störreiz als unwichtig abzuhaken und zu ignorieren; vielmehr beachten sie ihn andauernd (…). Dasselbe wie für Reize aus der Außenwelt gilt für solche aus der Welt des Körpers, der Gefühle, der Gedanken, der Ideen und Assoziationen.“

Wenn eine bestimmte Menge an Informationen hintereinanderweg aufmerksam aufgenommen worden ist, dann entsteht der Wunsch nach einer Pause. (…) Da Hochsensible eine größere Fülle von Informationen bewusst aufnehmen und zu verarbeiten haben, ist das Maß des Erträglichen bei ihnen eher voll.“

Im Vergleich zu Nicht-Hochsensiblen erreichen Hochsensible also deutlich früher eine hochgradige Erregung des Nervebsystems und das Stadium der Überstimulation – und damit auch den Punkt, an dem sie sich zurückziehen möchten, um sich wieder zu erholen.“

Es gibt mehr als nur fünf Sinne. Außer dem Temperatursinn unterscheidet man noch die Schmerzempfindung (Nozizeption), die Wahrnehmung von inneren Organen (Viszerozeption), die Wahrnehmung von Gelenken, Muskeln und Sehnen (Propriozeption) und die vestibuläre Wahrnehmung (Gleichgewichtssinn), außerdem gibt es noch die Wahrnehmung von Juckreiz (…). Für Hochsensible kann jeder dieser Sinne für schwache bis extreme Irritationen sorgen.“*

Hensel1 verweist darauf, dass man den Begriff der Hochsensibilität in medizinischen und psychologischen Lexika vergeblich sucht. Da ihrer Recherche zufolge bis heute keine einheitliche wissenschaftliche Definition existiert, liefert sie zwei verschiedene Definitionen. Die knappe: „Hochsensible haben anlagebedingt ein leichter erregbares Nervensystem als die Mehrheit der Menschen, sind deutlich empfindlicher gegenüber äußeren und inneren Reizen und daher leichter überstimuliert.

Und die längere Version: „Hochsensibilität bezeichnet eine im Vergleich zur Mehrheit der Menschen deutlich höhere Empfindlichkeit gegenüber äußeren und inneren Reizen aufgrund eines veranlagungsbedingt besonders leicht erregbaren Nervensystems. Das bringt eine subtilere, umfangreichere, nuancenreichere und intensivere Wahrnehmung mit sich; ebenso eine ausgeprägte Feinfühligkeit, eine höhere emotionale Reaktivität und eine gründlichere und komplexere Informationsverarbeitung. Damit einher gehen ein früheres Erreichen eines Zustands der Überstimulation und ein längeres Nachklingen des Erlebten. Hochsensibilität ist ein fest verankertes, unabänderliches Persönlichkeitsmerkmal, das bei 15 bis 20 Prozent der Menschen, Männern wie Frauen, auftritt.“ Sie weist deutlich darauf hin, dass Hochsensibilität „keine Abnormität, keine krankhafte Veränderung“ ist, sondern eine „natürliche Variation“.

 

Teil 2 folgt in Kürze!

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1 Ulrike Hensel: Mit viel Feingefühl. Paderborn 2013

2Beate Felten-Leidel: Von wegen Mimose. Köln 2015

3Elaine N. Aron: Sind Sie hochsensibel? München 2009

4Cordula Roemer: Hurra, ich bin hochsensibel! Und nun? Berlin 2017

 

Foto: Pixabay

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