Neid ist kein Gefühl, auf das wir stolz sind oder das wir gerne zugeben. Ganz im Gegenteil: Neid ist verpönt und wird im Allgemeinen abgelehnt. Wenn wir trotzdem Neid empfinden, tun wir uns deshalb sehr schwer damit, das alleine schon vor uns selbst geschweige denn vor anderen zuzugeben. Deshalb finde ich eine meiner liebsten Freundinnen richtig klasse. Sie schafft es immer mal wieder, offen zuzugeben, wenn sie auf mich oder andere neidisch ist. Einfach so, unaufgeregt und ohne Selbstgeißelung. Das finde ich großartig.
Dr. Eva Wlodarek, promovierte Psychologin, Coach, Referentin und Buchautorin in Hamburg beschreibt Neid in einem ihrer Bücher* sogar als „Dankbarkeitskiller“ bzw. als direkten Gegenspieler der Dankbarkeit. Neid hält uns davon ab, mit vor Dankbarkeit überquellendem Herzen und einem glücklichen Lächeln im Gesicht durch die Gegend zu laufen. Vielmehr kann uns der missgünstige Blick auf andere das Leben unheimlich schwer machen. Daher empfiehlt sie eine ausführliche Betrachtung dieses ach so unangenehmen Gefühls nach dem Motto „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“.
Frau Wlodarek schreibt: „Neid zählt zu den universalen Gefühlen, genau wie Trauer oder Wut. Jeder Mensch ist dazu fähig, Neid zu empfinden. Allerdings lässt sich die Stärke von Neidgefühlen über die Erziehung und die soziale Einstellung beeinflussen, von daher kommen sie in manchen Zivilisationen schwächer zum Ausdruck. (…)
Man kann ihn eventuell verstehen, aber es gibt wohl niemanden, der den Ausdruck von Neid gutheißt. Diese Ablehnung hat eine lange Tradition, besonders in unserer christlich geprägten Kultur. Neid, lateinisch `invidia´, gehört zum Kanon der sieben Todsünden, den Papst Gregor der Große im 6. Jahrhundert zusammengestellt hat. Neben Stolz, Zorn, Geiz, Faulheit, Völlerei und Wollust ist Neid den Christen bei Androhung des Höllenfeuers untersagt.“
Übrigens werden die sieben Todsünden in dem US-amerikanischen Thriller „Sieben“ des Regisseurs David Fincher aus dem Jahr 1995 mit Brad Pitt, Morgan Freeman und Kevin Spacey in den Hauptrollen auf ebenso eindrückliche wie schockierende Weise illustriert. Er handelt von einem Serienmörder, der regelrecht von den sieben Todsünden besessen ist und sie mit seinen Opfern auf grausamste Weise inszeniert, damit die Gesellschaft sich ihres sündhaften Verhaltens bewusst wird. Der Film beginnt triste und hat ein derart vernichtendes Ende, dass ich Details auch noch nach über 25 Jahren lebhaft erinnere…
Neid hat sogar eine Farbe – Neid ist grün und man kann grün vor Neid werden. Eva Wlodarek bezeichnet ihn als „grünäugiges Monster“, dem man selten entkommen kann, „vor allem, weil es in den meisten Fällen ganz unerwartet zuschlägt.“ Weiter schreibt sie: „Mit kleinen Neidanfällen kommen wir noch zurecht, die gehen schließlich schnell vorüber. Richtig unangenehm wird es aber, wenn sich der Neid auf große, für uns selbst wichtige Dinge bezieht. Zu sehen, dass ein anderer hat, was man sich so sehnlich wünscht, trifft tief. Dabei kann uns alles Mögliche neidisch machen: Schönheit, Bildung, Kinder, Herkunft, Charme, Klugheit, Geld, Reisen, Lob, Zuwendung, Glück, Talente, Begabungen, Fähigkeiten, Beziehungen, sämtliche materielle Dinge – kurz und gut, was immer wir selbst gerne hätten.“
Eva Wlodarek bleibt dabei nicht stehen, sondern wirft noch einen genaueren Blick auf den Neid: „Interessant ist jedoch, dass wir keineswegs auf jeden neidisch sind, der das von uns Gewünschte besitzt. Offenbar gibt es bestimmte Gesetzmäßigkeiten, wann unser Neid erregt wird und wann nicht. Wir schauen meist nur missgünstig auf Menschen, die in einem ähnlichen Umfeld leben oder in dem gleichen Bereich aktiv sind wie wir selbst. Ein Bootsbesitzer ist neidisch auf das schönere Schiff, das in Cuxhaven neben seinem vor Anker liegt, aber kaum auf die Luxusyacht eines Großindustriellen im Hafen von Ibiza.“
Sie führt dieses Phänomen auf die Funktion des Neides zurück: Neid hilft uns nämlich „zunächst, uns innerhalb unserer Umgebung einzuordnen. Das gehört zur Entwicklung unserer Identität.“ Der Neid gibt uns Orientierung in Bezug auf die Fragen, wer wir sind und wo wir stehen. „Neid macht uns darauf aufmerksam, dass wir auf einem Gebiet, das uns wichtig ist und in dem wir uns Erfüllung wünschen, schlechter abschneiden als Personen in unserer Nähe.“
Zwei Arten von Neid
Dabei betont sie, dass Neid nicht gleich Neid ist. Es gibt nämlich zwei unterschiedliche Möglichkeiten, mit dem Gefühl umzugehen, entweder auf eine konstruktive oder auf eine destruktive Art. Im konstruktiven Fall ist der Neid stimulierend im Sinne eines „Euch werde ich es noch zeigen!“ Diese Art von Neid spornt an, ist oftmals mit einer guten Portion Ehrgeiz und mit dem Glauben verknüpft, dass wir das auch schaffen können. Dagegen haben wir beim destruktiven Neid wenig Hoffnung, dass wir das, was wir bei anderen beneiden, auch bekommen können. Daher schauen wir wütend oder verletzt auf diejenigen, die scheinbar vom Glück geküsst worden sind. Möglicherweise glauben wir auch aus einem Minderwertigkeitsgefühl heraus, dass uns die Erfüllung unserer Wünsche versagt bleibt so nach dem Motto: „Klar, die ist ein Glückskind und ich habe immer nur Pech!“ oder: „Er ist so selbstbewusst und extrovertiert, dass ihm die Herze zufliegen, aber ich bin zurückhaltend und kann einfach nicht aus meiner Haut.“ Völlig egal, ob diese Resignation berechtigt ist oder nicht, die Konsequenz ist dieselbe: Wir fühlen uns mies, weil wir uns auf die Konkurrenz fokussieren. „Der seelische Schaden, den destruktiver Neid in uns anrichtet, ist beträchtlich“, schreibt Eva Wlodarek. „Wenn wir ständig um unsere Unfähigkeit kreisen, verringern wir unser Selbstwertgefühl: den anderen gelingt das – mir nicht. Wir versinken immer mehr in dem Gefühl, versagt zu haben, fühlen uns ohnmächtig und hilflos. Weil Seele und Körper eine Einheit bilden, wirkt sich die psychische Beeinträchtigung auch auf unsere Gesundheit aus. Nicht umsonst sprach man schon im Mittelalter davon, jemand sei ´gelb vor Neid´ oder auch ´grün vor Neid´. Diese Redewendungen stammen daher, dass man Neid mit einer Störung der Leber und Galle in Verbindung brachte.“
Strategien gegen den Neid
Zwar lassen sich Neidattacken nicht grundsätzlich verhindern, aber wir sind diesem Gefühl trotzdem nicht hilflos ausgeliefert. Wir können gegensteuern und uns so eine Menge Frustration ersparen. Übrigens gilt das auch für den stimulierenden Neid. Kurzfristig kann er seinen Zweck als Anregung oder Kick erfüllen, aber auf die Dauer sollten wir auch ihm die Stirn bieten. Wir verlieren uns nämlich selbst aus den Augen, wenn wir immer auf andere schauen. Die Psychologin schreibt: „Der Mensch, den wir beneiden, hat schließlich eine andere Kombination von Eigenschaften und Fähigkeiten als wir und letztlich auch eine andere Lebensaufgabe. Der Vergleich hindert uns daran, uns auf unsere Möglichkeiten zu besinnen und unseren eigenen Weg zu finden. Außerdem machen wir einen Denkfehler. Wir konzentrieren uns nur auf das, was uns der beneidete Mensch voraushat, etwa die reiche Familie, die wohlgeratenen Kinder, Schönheit oder beruflichen Erfolg – alles übrige lassen wir beiseite.“
Der Trick, den Eva Wlodarek empfiehlt, ist nun dieser: Immer, wenn du auf jemanden neidisch bist, stelle dir die folgende Frage: Was wäre, wenn du bekommen könntest, worum du diese Person beneidest? Allerdings unter der Bedingung, dass du alles von ihr übernimmst? Also z.B. den narzisstischen Partner der erfolgreichen Kollegin? Oder den stressigen Job des Nachbarn mit dem flotten Porsche? Unter dieser „Alles oder nichts“ – Bedingung stimmst du wahrscheinlich keinem Handel zu. Insofern kann diese Überlegung deinen Neidanfall vermutlich schnell abklingen lassen.
Eva Wlodarek ergänzt: „Noch etwas gerät beim Neid leicht aus dem Blickfeld: In den meisten Fällen ist das von uns Gewünschte denjenigen nicht in den Schoß gefallen, sondern sie haben eine Menge dafür getan. Fragen wir doch einfach mal direkt nach, was die von uns beneidete Person an Zeit, Kraft und Engagement investiert hat. Die meisten antworten ganz offen. So erfahren wir, was der Erfolg auf die Dauer kostet, und können überlegen: Bin ich dazu bereit? Will ich wirklich wochenlang abends Fortbildung machen? Mich auf die Bühne stellen und eine Blamage in Kauf nehmen? Monatelang mühsam an einem Manuskript sitzen? Einen hohem Kredit aufnehmen, ohne die Garantie auf Erfolg für mein Projekt? Rund um die Uhr die Verantwortung für ein Kind tragen?“
In vielen Fällen wären wir nicht bereit, diesen hohen Preis zu zahlen. Wir wären nicht bereit, all die Veränderungen in Kauf zu nehmen, die die Erfüllung meines Wunsches voraussetzt. Diese Erkenntnis kann dabei helfen, den Neid zu überwinden. Statt der Schokoladenseite sehen wir das ganze Paket und das ist oft alles andere als beneidenswert. Überlege doch mal, ob du als Führungskraft wirklich glücklich wärst oder unter dem kalten Wind von vorne zu sehr leiden und dir dein nettes Team zurückwünschen würdest? Kämst du als Person des öffentlichen Lebens damit klar, ständig auf dem Präsentierteller zu sitzen? Könntest du das Haus mit Garten auf dem Dorf wirklich genießen oder wäre dir alles zu spießig und würdest du das kulturelle Angebot der Stadt vermissen?
Ich finde, diese Anregungen von Eva Wlodarek helfen dabei, eventuelle Neidanfälle aus der Vogelperspektive bzw. in einem differenzierteren Rahmen zu betrachten. Außerdem kann die intensive Auseinandersetzung mit den gestellten Fragen erheblich dazu beitragen, aus der zunächst empfundenen Hilflosigkeit auszusteigen und die eigenen Gefühle, Gedanken und Verhaltensmuster aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Probiere es doch bei nächster Gelegenheit mal aus und berichte gerne davon! Viel Erfolg und – ja – Spaß dabei!
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* Eva Wlodarek: Die Kraft der Wertschätzung. Sich selbst und anderen positiv begegnen. München 2019
Foto: Pixabay
