Psychotherapie: Wenn Ängste Angst machen

An dieser Stelle habe ich schon früher über Angststörungen und Phobien und einen gelungenen Umgang damit geschrieben. Auch zum Thema Hochsensibilität habe ich mich hier schon häufiger geäußert. Heute möchte ich beide Themen gemeinsam in den Fokus nehmen und das Thema Angst unter dem Blickpunkt einer möglichen Hochsensibilität beleuchten.

Die Autorin Cordula Roemer hat diesem Themenkomplex in ihrem 4-Phasen-Modell zur Integration einer Hochsensibilität einigen Platz eingeräumt und ich beziehe mich in den folgenden Ausführungen auf sie. Im Rahmen der 2. Phase, der geistig-emotionalen Integration des Phänomens, zitiert sie Andreas Tenzer: „Nichts lähmt die Flügel der Seele so sehr wie die Angst“. Zum Beginn des Kapitels über Angst weist Roemer darauf hin, dass ein Leiden unter massiven Ängsten und Phobien eine fachkundige Hilfe bei Ärzten oder Psychotherapeuten erfordert. Die von ihr angesprochenen Probleme „beziehen sich auf Ängste, die im spezifischen Kontext der Hochsensibilität ausgelöst wurden und ein gewisses Maß nicht übersteigen.“

 

Im Vorwege noch einmal kurz zu der Frage:

Was ist Hochsensibilität?

Hochsensibilität ist als naturwissenschaftlich erforschtes Phänomen relativ jung. „Durch die amerikanische Psychologin und Psychotherapeutin Elaine N. Aron hat es Anfang der 1990er-Jahre sowohl seinen derzeitigen Namen erhalten als auch seine seither wachsende Bekanntheit erlangt. Aron erkannte hinter einigen, in der Psychologie als Störungsbilder definierten Verhaltensweisen ein gemeinsames Muster, das sie als nicht krankheitsauslösend einstufte: eine deutlich erhöhte Aufnahmebereitschaft für Stimuli sowie deren intensive Verarbeitung. Nach ihren Angaben sind etwa 15 bis 20% aller Menschen davon betroffen, Frauen und Männer gleichermaßen, unabhängig von Alter oder Kultur.

Es ist jedoch zu vermuten, dass diese Veranlagung bei Menschen und anderen Lebewesen schon deutlich länger existiert, denn sie stellt eine der beiden effektiven Überlebensstrategien dar: Achtsamkeit als Prinzip der Beobachtung, Übersicht, Schutzgewährleistung sowie eine tief greifende und komplexe Lösungskompetenz. Die zweite Überlebensstrategie ist deutlich häufiger vertreten und uns daher auch viel vertrauter: aktive Extravertiertheit mit einem großen Potenzial an Risikofreude, Geselligkeit, Impulsivität und Offenheit.

Das Phänomen Hochsensibilität zeichnet sich durch eine hohe Reizfilteroffenheit aus. Dies bedeutet, dass die Betroffenen – überwiegend unbewusst – in einer vergleichbaren Situation deutlich mehr Informationen und Reize sowohl aus der Umwelt als auch aus dem eigenen Inneren aufnehmen als Normalsensible. Hinzu kommt eine intensivere neuronale Verarbeitung der Stimuli. Dies beides kann – unter guten Bedingungen – zu besonderen bis exorbitanten Leistungen führen. Hochsensibilität ist keine Krankheit oder Störung, sondern eine Variation im neuronalen System, die aus Sicht der menschlichen Evolution eine wichtige Funktion übernimmt, die in den letzten Jahrzehnten in unserer Gesellschaft leider in Vergessenheit geraten ist.“

Das Konstrukt der Hochsensibilität bietet sowohl für viele bislang unerklärliche als auch schwer nachvollziehbare menschliche Verhaltens- und Empfindungsweisen ein interessantes und konstruktives Modell, dem sich bislang viele Betroffene positiv zuwenden konnten. In Zeiten zunehmender Pathologisierungen und Normeingrenzungen ist dieser Erklärungsansatz menschlichen Empfindens und Verhaltens sehr unterstützend und heilsam – nicht nur für die Betroffenen selbst.“

 

Ängste durch Überstimulation

Jede Lebenssituation, bei der du nicht dein hochsensibles Potenzial aktivieren kannst, führt längerfristig zu Unsicherheit und Ängsten. „Es können aber auch durch eine permanente Überstimulation Ängste entstehen. Überreizung löst Stress aus, und dieser führt wiederum zu Verunsicherung, inneren Blockaden und somit schlussendlich auch zu Ängsten. (…) Die Reaktion (…) darauf zeigt sich in Form von Unruhe, Unkonzentriertheit oder Rückzug. Wenn sich diese Verhaltensweisen aufgrund fehlender Änderung der auslösenden Ursachen verhärten, kann es (…) zur Entwicklung von Ängsten kommen (…).

Typische Ängste, mit denen Hochsensible immer wieder zu kämpfen haben, können sein: Angst vor Telefonaten mit Unbekannten, zum Beispiel Anrufe beim Amt oder einer Hotline; Angst, eine neue Aufgabe anzugehen; Angst, vor Fremden zu sprechen; Angst, unbekannte Wege zu fahren, und anderes mehr.“

Roemer betont: „Selbstverständlich werden solche Ängste nicht ausschließlich aus der Reizüberflutung genährt, aber das Problem der Überstimulation als Angst auslösender Faktor sollte nicht unterschätzt werden. Hier führt die Kombination eines mangelnden Selbstbewusstseins und einer unveränderten Reizsituation zu einer schnelleren Belastungssymptomatik.“

 

Ängste durch zu viel Vorsicht

Vorsicht ist ein wichtiges Merkmal der hochsensiblen Disposition. Sie ermöglicht dem System, alle aktuell relevanten Aspekte in tiefgründiger Weise und mit der nötigen Ruhe aufzunehmen, zu bewerten und entsprechende Handlungsschritte vorzubereiten. Die Vorsicht bewahrt vor zu viel unüberschaubarem Risiko, emotional, situativ und sensorisch. So weit, so gut. Problematisch wird es jedoch, wenn der Vorsicht zu viel Raum gelassen wird und es dadurch zu Handlungseinschränkungen kommt.“

Roemer referiert, dass es in der Entwicklung eines jeden Menschen Zeitfenster gäbe, in denen bestimmte Lernerfahrungen gemacht werden können bzw. sollen. Das beziehe sich nicht nur auf die Entwicklung von Kleinkindern. „Auch im Erwachsenenalter haben wir Phasen, in denen wir bestimmte Lernschritte wagen sollten.“ Diese Zeitfenster sind jedoch nicht mehr an das Alter, sondern an deine Entwicklungsschritte gebunden. Wenn du bestimmte Erfahrungen gesammelt und deine Fähigkeiten erweitert hast, wächst innerlich das Bedürfnis, den nächsten Schritt zu gehen und die nächste Herausforderung zu meistern. „Steht dem jedoch dann eine Angst im Weg, kann es zur Blockierung kommen.“ Dann traust du dir die Weiterentwicklung nicht zu und verharrst lieber in deiner Komfortzone. Das heißt: Du machst das, was du bereits kannst und womit du dich sicher fühlst. „Langfristig führt das aber zu Stagnation. Diese erzeugt wiederum Unzufriedenheit sowie Unausgeglichenheit und vertieft die bereits vorhandenen Ängste, denn die Erfahrung, es nicht zu schaffen, nicht zu können oder nicht zu wagen, wird immer wieder wiederholt und bestätigt damit die Grundangst. Es entsteht eine Negativspirale, bei der das Leben immer eingegrenzter, frustrierender, einsamer und freudloser wird.

Der Mensch bzw. die Seele will sich weiterentwickeln, dies ist ein natürliches Prinzip. Entzieht sich der Mensch diesem Wachstum oder fühlt sich durch seine Ängste daran gehindert, so wird es, meist tief im Unbewussten verborgen, dafür Gründe geben.

Die den Hochsensiblen eigene Vorsicht erfordert an dieser Stelle eine besondere Achtsamkeit. Da risikoreiche Situationen auch eine größere Wahrscheinlichkeit einer vermehrten Reizfülle mit sich bringen, sind wir Feinfühligen oftmals schneller bereit, eine herausfordernde Situation zu meiden oder das Risiko zu mindern. Das Problem dabei ist, dass die dadurch vermiedenen Erfahrungen und die zu wenig erprobten Fähigkeiten zu den bereits beschriebenen Verunsicherungen, zu Stagnation und Ängsten führen können.“ Hilfreich ist es hierbei, ein überschaubares, aber zugleich herausforderndes Risiko einzugehen, um neue oder beängstigende Aufgaben zu meistern. Dadurch kannst du deine Kompetenzen und deinen Aktionsradius erweitern.

Im Integrationsprozess ist es sinnvoll, bestehende Ängste dahin gehend zu beleuchten, was deren tatsächliche Ursachen sind und inwieweit diese mit der eigenen Hochsensibilität in Verbindung stehen. Habe ich als Kind zum Beispiel nicht gelernt, mich in Gruppen zu bewegen? Haben mir meine Eltern zu viel Lebensrisiko abgenommen, sodass ich mich nie trauen, behaupten oder alleine zurechtfinden musste?“

 

Übernommene Angst

Eine weitere Form der Angst ist die übernommene Angst. Hierbei handelt es sich um Gefühle anderer Menschen, insbesondere nahestehender und emotional wichtiger Personen, die du im Zuge des Modelllernens und Imitierens aufgegriffen und in dich integriert hast. Beim Modelllernen übernimmst du als Kind die Verhaltens- und Gefühlsmuster deiner Eltern inklusive ihrer Bewertung. So schaust du dir auch bestimmte Ängste deiner Bezugspersonen ab. Gleichzeitig projizieren Eltern ihre Ängste meistens auch auf ihr Kind, so dass es zu einer unglücklichen Verquickung beider Verhaltensweisen kommt und das Kind irgendwann diese Ängste verinnerlicht hat. Eltern geben also ihr Angstempfinden und -verhalten an die nächste Generation weiter.

 

Das Resonanzgesetz

Du kennst den Spruch: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“ Dabei handelt es sich um das sogenannte Resonanzgesetz. Es besagt, dass du mit deiner inneren Haltung, deinen Gedanken, Gefühlen und Handlungen für die entsprechende Resonanz/Reaktion sorgst. Eine positive Lebenseinstellung führt i.d.R. zu positiven Erfahrungen, eine negative Haltung zu negativen.

In diesem Zusammenhang schreibt Cordula Roemer: „Ich erlebe im Kontakt und in Gesprächen mit Hochsensiblen immer wieder, dass sie sich ihrer einschränkenden Gefühle wie beispielsweise Selbstunsicherheit zwar bewusst sind, nicht aber den Auswirkungen ihres unsicheren Verhaltens. Wird die Verbindung zwischen der eigenen ´Sendung´ und der entsprechenden Reaktion darauf nicht erkannt, kann dies dazu führen, dass die Reaktion des Gegenübers oder des Umfelds als Angriff auf die eigene Person interpretiert wird.“

Wenn du dich zum Beispiel unsicher verhältst, ziehst du dich eher zurück, meidest herausfordernde Aufgaben, stellst dich vielleicht ungeschickt an und räumst das Feld und jemand anderes nutzt den frei gewordenen Raum für sich.

Führst du dir das Prinzip der Resonanz in seiner ganzen Tragweite vor Augen, wird deutlich, dass du eine Eigenverantwortung für das trägst, was du denkst, fühlst und tust. Es gibt nämlich immer eine Reaktion darauf, egal, ob du sie nachvollziehen kannst oder nicht.

Dir des Resonanzgesetzes und damit der eigenen Verantwortung bewusst zu werden, löst jedoch häufig Unwille und Abwehr aus. Das würde nämlich bedeuten, die eigene Haltung und somit auch häufig das eigene Opferempfinden zu ändern. Wenn du dir deiner Hochsensibilität bewusst wirst, beinhaltet das auch, deine eigenen Empfindungen und Verhaltensweisen dahingehend zu prüfen, ob sie dir gut tun. Bemesse diese Einschätzung daran, wie deiner Meinung nach die Reaktion der Umwelt auf deine innere Haltung ausfallen wird. So ist es zum Beispiel deine Verantwortung, inwieweit dir deine Selbstunsicherheit bewusst ist und es ist auch deine Verantwortung, ob du an dieser Unsicherheit etwas verändern möchtest und wirst.

Du hast immer und in jeder Situation eine Eigenverantwortung. Um diese herauszufinden, kannst du dir zwei Fragen stellen:

  • Was habe ich damit zu tun, dass die Situation so ist, wie sie ist?

  • Wo endet meine Verantwortung und wo beginnt die der anderen Person(en)?

Lasse dich von der Entdeckung deiner hochsensiblen Veranlagung nicht dazu verleiten, die Ursache vieler Schwierigkeiten und unangenehmer Erlebnisse nur darin zu suchen. Selbst, wenn du besondere Belastungen durch deine Veranlagung erfahren solltest, hast du immer noch genügend Freiräume, andere Lösungen für die belastenden Situationen zu finden – sofern du dich von der Opferrolle verabschiedest und dein Leben verantwortungsvoll in deine Hände nimmst.

 

Mit anderen Worten:

Verständnis für dich selbst und Selbstfürsorge ja,

Opferrolle und enge Grenzen nein.

Es gibt viele Möglichkeiten, packen wir sie an!

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Cordula Roemer: Hurra, ich bin hochsensibel! Und nun? Berlin 2017 (S. 102ff.)

Foto: Pixabay

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