Ein wichtiger Gedanke vorneweg:
Wer sich mit Meditation beschäftigt, kommt früher oder später auch mit Osho in Berührung. Bislang habe ich hier keine Meditation von ihm eingebracht, da ich ihm sehr ambivalent gegenüberstehe. Auf der einen Seite erkenne ich seine Lebensleistung an, die Meditation vom Osten in den Westen transportiert und für die Menschen hier adaptiert zu haben. Auf der anderen Seite hat sich die westliche Meditationspraxis seit seinem Tod vor rund 30 Jahren bedeutend in verschiedene Richtungen weiter entwickelt. Und vor allem erkenne ich ihn nicht als „erleuchteten Meister“ an. Ich messe Menschen nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten und sehe, dass er sich in seiner letzten Lebensphase leider vollkommen disqualifiziert hat. Allen Vorbehalten zum Trotz hat er jedoch interessante Gedanken vorgestellt und schöne Übungen entwickelt, die es wert sind, vorgestellt zu werden – wie zum Beispiel diese:
Osho Devavani Meditation
„Alle Meditation ist ein Warten, alles Beten ist unendliche Geduld. Alle Religion besteht darin, dem Verstand zu verbieten, dir Probleme zu machen. Wenn du ihm zu warten befiehlst, dann geschieht Meditation. Wenn du ihn zum Warten überreden kannst, dann bist du im Gebet, denn Warten heißt: nicht denken. Es heißt, einfach am Ufer sitzen, und den Strom fließen lassen. Was kannst du schon tun? Was du auch tust, trübt nur sein Wasser. Du brauchst nur einen Fuß hineinzusetzen, und schon hast du Probleme, also warte.
Devavani ist die göttliche Stimme, dir durch den Meditierenden hindurchgeht und durch ihn spricht, und der Meditierende wird zu einem leeren Gefäß, zu einem Medium. Diese Meditation ist ein Latihan* der Zunge. Sie entspannt den bewussten Verstand so tiefgehend, dass dir dein tiefer Schlaf sicher ist, wenn du sie kurz vor dem Schlafengehen machst. Sie hat vier Phasen von je fünfzehn Minuten. In allen vier Phasen bleiben die Augen geschlossen.
Erste Phase: 15 Minuten
Sitze ganz ruhig, vorzugsweise bei sanfter Musik.
Zweite Phase: 15 Minuten
Fange an, sinnlose Laute auszustoßen, zum Beispiel „la…la…la…“, und mache so lange weiter, bis unbekannte wortähnliche Laute aufkommen. Diese Laute sollen aus dem unbekannten Teil des Gehirns kommen, den du als Kind verwendet hast, bevor du die Worte gelernt hast. Lass es in einem ruhigen Gesprächstonfall geschehen; weine, rufe, lache oder schreie nicht.
Dritte Phase: 15 Minuten
Steh auf und rede weiter, und erlaube dabei deinem Körper, sich ganz sanft in Harmonie mit den Lauten zu bewegen. Wenn dein Körper entspannt ist, werden die subtilen Energien ein Latihan jenseits deiner Kontrolle entstehen lassen.
Vierte Phase: 15 Minuten
Lege dich hin, sei ruhig und still.
Denk daran, dass du keine Laute aus einer dir bekannten Sprache benutzen darfst. Jede dir unbekannte Sprache ist erlaubt – Tibetisch, Chinesisch, Japanisch! Wenn du Japanisch sprichst, dann ist es nicht erlaubt – dann ist Italienisch genau das Richtige! Du wirst nur am ersten Tag ein paar Sekunden lang Schwierigkeiten haben, denn wie sollst du eine Sprache sprechen, die du gar nicht kennst? Sie kann gesprochen werden, und wenn es erst einmal losgeht, werden sich ganz von selbst irgendwelche Laute, unsinnige Worte bilden, die ganz einfach das Bewusstsein abschalten und das Unterbewusste sprechen lassen.
Das Unbewusste spricht, ohne eine Sprache zu kennen. Es ist eine sehr, sehr alte Methode. (…)
Sei nicht fieberhaft, lass es eine ganz tiefe, wohltuende Energie sein, die dich nährt – ein Singsang. Genieße es, wiege dich; wenn du dich nach Tanzen fühlst, tanze. Aber tue alles voller Anmut, denk daran. Es soll nicht in Katharsis ausarten.“
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*Latihan: in einer lockeren Haltung darauf warten, dass eine Energie von dir Besitz ergreift, sich etwas in dir bewegt und dann tun, was immer du gerade tun willst in einer zutiefst andächtigen Stimmung, einem „dein Wille geschehe“, völlig entspannt mit dem gehen, was geschieht und es dabei nicht nur zulassen, sondern sogar unterstützen
Osho: Das orangene Buch. Die Osho Meditationen für das 21. Jahrhundert. Köln 23. Auflage 2020
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