Marie-France Hirigoyen:
Solotanz – Anleitung zum Alleinsein
München 2008
Die Autorin
„Marie-France Hirigoyen ist eine der bekanntesten Psychotherapeutinnen Frankreichs. Ihr Buch „Masken der Niedertracht“ war in Frankreich ein Bestseller, und die deutsche Ausgabe machte sie auch bei uns einem großen Publikum bekannt. Sie praktiziert als Psychoanalytikerin und Familientherapeutin in Paris“.
Der Klappentext
„Zwar geben die meisten Menschen an, am liebsten mit Partner und Kindern zu leben, die Realität sieht aber aders aus: Immer mehr Menschen leben, freiwillig oder nicht, allein. Für viele bedeutet das Alleinsein nach wie vor Leiden und Entbehrung, eine steigende Zahl lebt hingegen `freiwillig und lustvoll´ allein. Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Welche Rolle spielt der gestiegene Erfolgsdruck für jeden Einzelnen? Wie gehen Männer, wie Frauen mit dieser Erfahrung um? Eine erfahrene Therapeutin und sensible Beobachterin analysiert Glück und Unglück einer neuen Lebensform.“
Das Buch
Nach der Einleitung folgt das 1. Kapitel mit der Überschrift „Das Gefühl der Einsamkeit“. Es beschäftigt sich mit Aspekten wie dem negativen Erscheinungsbild der Einsamen, der Furcht vor der Ablehnung und dem Nichts, der wachsenden Zahl der Ledigen und der Illusion der Suche nach dem idealen Partner. Es folgen drei Hauptteile mit Unterkapiteln:
I Eine unmögliche Begegnung
Das 2. Kapitel mit der Überschrift „Die Unabhängigkeit der Frauen“ beinhaltet Überlegungen zu Arbeit, Emanzipation und Einschränkung, zur Falle der Abkömmlichkeit, zur Forderung nach Eigenständigkeit, zur Reife der Frauen und der neuen Einsamkeit, zum Entschluss zum Alleinsein, zur Solidarität der Frauen und zum Kinderwunsch.
Im 3. Kapitel mit dem Titel „Die Verwirrung der Männer“ finden sich Gedanken zur Unsicherheit der Männer, zur Krise der Stereotype von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“, zum Mangel an Eigenständigkeit, zu der Schwierigkeit, ein Mann zu sein, zum Thema Frauen unter Kontrolle und dem Übergang zur Gewalttätigkeit sowie zur Schwierigkeit, heute Vater zu sein.
Das 4. Kapitel mit der Überschrift „Die Veränderungen in der Paarbeziehung“ stellt die Frage: „Der Zwang zur Liebe, Weg in die Einsamkeit?“ und stellt Überlegungen zum Misstrauen gegenüber dem anderen und dem Fortbestehen der Stereotype, zum symbiotischen Paar, zu Beziehungen mit beschränkter Eigenständigkeit, zu nicht zusammenwohnenden Paaren, zu Lebensabschnittspartnern und ähnlichen Modellen und zu einer fortlaufenden Polygamie an.
Im 5. Kapitel „Immer härtere Beziehungen“ enthält Aspekte wie gegenseitige Vorwürfe, die immer noch schwer zu ertragende Untreue, sich der Trennung stellen und die Härte der Trennung.
II Allein in einer Leistungsgesellschaft
Das 6. Kapitel erörtert unter der Überschrift „Wenn die Arbeit einsam macht“ die Unterpunkte Intensivierung der Arbeit und Gefühl der Einsamkeit sowie Hart sein in einer Welt der Harten.
Im 7. Kapitel mit dem Titel „Die Illusionen der Kommunikation und des Virtuellen“ finden sich Abhandlungen zu Phänomenen wie dem Bewahren der Illusion, dass man nicht allein ist, den Trugbildern des Virtuellen, der Cybersucht und einer „onanistischen“ Gesellschaft.
Das 8. Kapitel, „Die Macht des Konsums und des Narzissmus“ umfasst Reflexionen zum Serienindividuum als Mittelpunkt der Welt, zum Konsumieren, zum Diktat des Glücklichseins, zur Banalisierung der Perversion und zu narzisstischer Zerbrechlichkeit und zu „verfehlten Empfehlungen zur `Selbstachtung` “.
Im 9. Kapitel: „Die Datingsites“ finden sich die Unterthemen „Vom `Chasseur français´ zu `Meetic´, „Ein Klick genügt“, „Wegwerfpartner“, „Eine unbarmherzige Auswahl“ sowie „Forderungen und innere Widerstände“.
III Die neuen Einsamkeiten
Das 10. Kapitel befasst sich unter der Überschrift „Der Leidenschaftslosen“ mit Phänomenen wie dem Fliehen vor dem Verlangen, um nicht an einer gescheiterten Liebe zu leiden; vom Verlangen nach dem anderen zum Verlangen nach sich selbst zu gelangen sowie der Befreiung von einer beängstigenden Welt.
Im 11. Kapitel, „Das Leben ohne Sex“ wird zunächst die Frage gestellt, ob Sexualität unverzichtbar ist. Es folgen Ausführungen zum schwindenden Verlangen, zur Forderung nach Asexualität und zur These, dass Asexualität keine Neurose ist.
Kapitel 12, „Die Fähigkeit, allein zu sein“, referiert über das unentbehrliche Erlernen des Alleinseins in der Kindheit, das Lieben der Einsamkeit und das In sich gehen.
Das 13 und letzte Kapitel enthält unter der Überschrift „Die Entscheidung für die Einsamkeit“ die Unteraspekte: sich regenerieren, man selbst sein, eine Initiation, Initiationsreisen, die Entschädigung und der Schöpfer sowie für die anderen verfügbar sein.
Kernaussagen
Ich habe das Buch, meinen persönlichen Prioritäten folgend, von hinten nach vorne gelesen. Im letzten Kapitel gefallen mir Gedanken wie: „Der Entschluss zur Einsamkeit fällt sicherlich schwer in einer Zeit, die auf leichte Lösungen drängt, aber oftmals eröffnet sie ein reiches und kreatives Innenleben. Gegenüber dem ´immer mehr` unserer hyperaktiven Gesellschaft tut sich immer häufiger das Bedürfnis nach frischer Luft, nach leerem Raum kund, das Verlangen, die wesentlichen Dinge unseres Lebens nach ihrer Bedeutung einzustufen, um nach Sinn und Liebe zu suchen.“ Diese Bedürfnisse verspüre ich nicht nur oftmals selbst. Vielmehr höre ich sie auch nahezu immer von den Teilnehmenden meiner Entspannungs- und Meditationsangebote. Es geht in diesem Zusammenhang meist darum, wie Hirigoyen schreibt,
sich in einem aktiven Leben zu regenerieren und über einen Raum zu verfügen, in den man sich zurückziehen kann,
mal unbekümmert und unbeobachtet man selbst zu sein,
das Alleinsein als eine Initiation, eine Suche nach sich selbst zu betrachten oder
ein Abstandnehmen, das nichts mit Ablehnung der anderen oder Gleichgültigkeit ihnen gegenüber zu tun hat, denn um „für die anderen verfügbar zu werden, muss man zuvor sich selbst gegenüber wach werden, mit sich selbst im Reinen sein“.
Interessant finde ich auch die Abgrenzung zum Narzissmus: „Allzu oft wird Einsamkeit mit Narzissmus verwechselt, aber in Wirklichkeit handelt es sich dabei um entgegengesetzte Prozesse: Der Narziss ist allein, weil er von Spiegeln umgeben ist, die ihn daran hindern, die anderen um ihn herum wahrzunehmen. Der Einsame hingegen stützt sich und vertraut auf sich selbst.“ Die Autorin zitiert in diesem Zusammenhang Pascal: „Der Mensch, der nur sich selbst liebt, hasst nichts so sehr, als mit sich allein zu sein.“
Sehr zutreffend finde ich auch die folgenden Gedanken: „Zu Unrecht verbindet man die Einsamkeit mit Egoismus und Egozentrismus, denn das Alleinleben – und insbesondere das Ledigendasein – kann eine Öffnung gegenüber der Welt beinhalten, die in einer Paarbeziehung so nicht möglich ist, und die Einsamkeit ist manchmal die treibende Kraft, um seinem Leben eine andere Richtung zu geben.“
Im vorletzten Gedanken finde ich die Ausführungen zu der Fähigkeit, allein zu sein, essentiell. Zum Beispiel: „Um eine gewisse Selbstachtung zu besitzen, muss man das Gefühl haben, um seiner selbst willen geliebt zu werden und nicht nur aufgrund sexueller Beziehungen. Wer nicht aus sich selbst heraus existiert, leidet viel mehr unter Alleinsein und Isolation, denn sie konfrontieren ihn mit seiner inneren Leere. Die Einsamkeit akzeptieren heißt, nicht länger vom Blick des anderen abzuhängen und die Verantwortung zu übernehmen für das, was man ist, das heißt für das, wozu man dank seiner selbst imstande ist – mit anderen Worten, sich auf sich selbst zu verlassen und nicht auf die anderen.“ Die Autorin geht so weit zu fordern, dass das Bildungssystem die Jugendlichen auf die Eigenständigkeit vorbereitet und ihnen vermittelt, sich selbst zu genügen.
Im elften Kapitel zur sexuellen Abstinenz als Ergebnis einer Entscheidung, mangelnder Libido oder das Fehlen einer Partnerin/eines Partners schreibt Marie-France Hirigoyen von einer stark sexualisierten Gesellschaft, in der Sex zu einer gewöhnlichen Ware geworden ist. „Man findet in der Sexualität dasselbe anspruchsvolle Verbraucherverhalten wie auf anderen Märkten. Heutzutage muss Lust gewährleistet sein. (…) Erfüllte Sexualität ist zu einer der Normen unserer Zeit geworden und der Körper zu einer simplen Lustmaschine, deren Leistungen verbessert werden müssen. (…) Das Streben nach einem absoluten Glück mithilfe intensiver sexueller Befriedigung galt einmal als das oberste Ziel, aber angesichts der Überflutung unserer Gesellschaft mit Crash-Sexualität ist vielleicht nichts Begehrenswertes mehr geblieben.“
Im zehnten, sehr psychotherapeutisch ausgerichteten Kapitel schreibt die Autorin von immer mehr Personen in den Praxen, die unfähig sind, etwas zu empfinden und referiert verschiedene Aspekte wie
vor dem Verlangen fliehen, um nicht an einer gescheiterten Liebe zu leiden,
vom Verlangen nach einer anderen Person zum Verlangen n ach sich selbst,
sich von einer beängstigenden Welt befreien.
Im neunten Kapitel zu Datingsites nimmt Hirigoyen kein Blatt vor den Mund und spricht von einer Banalisierung des Gefühls, von Wegwerfpartnern, einer unbarmherzigen Auswahl usw.
Ähnliches gilt für das achte Kapitel zur Macht des Konsums und des Narzissmus, das sich mit Überschriften wie „Das Serienindividuum, Mittelpunkt der Welt“, „Konsumieren, um zu existieren“, „Das Muss zum Glücklichsein“ und „Banalisierung der Perversion und narzisstische Zerbrechlichkeit“ präsentiert.
Auch im siebten Kapitel zu den Illusionen der Kommunikation und des Virtuellen spricht die Therapeutin eine deutliche Sprache, wenn sie Kapitel mit Begriffen wie „Cybersucht“ oder „onanistische Gesellschaft“ überschreibt und das Internet als einen gewaltigen Sexshop bezeichnet.
Im sechsten Kapitel thematisiert Marie-France Hirigoyen das Phänomen, sich über die eigene Arbeit zu definieren. Doch leider „produziert die neue Organisation der Arbeit noch mehr Einsamkeit und letzten Endes kann dies dann zu einem „Hart sein in einer Welt der Harten“ führen.
Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit den parallel immer härteren Beziehungen zwischen den Geschlechtern durch die gesellschaftliche Forderung nach Vollkommenheit und deren Konsequenzen wie gegenseitigen Vorwürfen, Untreue und Trennung, um das jetzt einmal stark verkürzt wiederzugeben.
Das ausführliche vierte Kapitel zu den Veränderungen in der Paarbeziehung beinhaltet die gesamte Themenpalette vom Zwang zur Liebe als möglichen Weg in die Einsamkeit über Misstrauen, fortbestehenden Stereotypen, symbiotischen Paaren, „Beziehungen mit beschränkter Eigenständigkeit“, nicht zusammenwohnende Paare bis hin zu Lebensabschnittspartnern und ähnlichen Modellen sowie einer fortlaufenden Polygamie.
Das dritte Kapitel zur „Verwirrung der Männer“ beinhaltet Reflexionen zu Aspekten wie der Unsicherheit der Männer, der Krise der Stereotype von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“, dem Mangel an Eigenständigkeit in Beziehungen, der „Schwierigkeit, ein Mann zu sein“, Gewalttätigkeit und den Schwierigkeiten der modernen Vaterrolle.
Im zweiten Kapitel zur Unabhängigkeit der Frauen stehen Punkte wie „Arbeit, Emanzipation und Einschränkung“, die „Falle der Abkömmlichkeit“, die Forderung nach Eigenständigkeit, die „Reife der Frauen und die neue Einsamkeit“, der Entschluss zum Alleinsein, Frauensolidarität und Kinderwunsch im Mittelpunkt.
Das erste Kapitel widmet sich einleitend dem Gefühl der Einsamkeit. „Die Welt der Einsamkeiten ist vielfältig, die Grenzen zwischen ihren verschiedenen Formen sind fließend, und dahinter verbergen sich ganz unterschiedliche Realitäten: die von Einzelgängern, jungen Singles, getrennten, geschiedenen oder verwitweten Personen, aber auch die, die man in der eigenen Familie, im Büro oder in der Menge erlebt. Denn es gibt Formen des Alleinseins zu zweit, die schlimmer sind, als wirklich allein zu sein.“
Meine Meinung
Die Ausführungen dieses Fachbuches sind nicht so niederschmetternd und schwer verdaulich wie die des Bestsellers „Masken der Niedertracht“. Dennoch machen schon die verschiedenen Kapitelüberschriften deutlich, dass die Herangehensweise der Autorin ebenso differenziert und kritisch wie ernst ist. Daran kann auch das Titelbild mit einer Frau im durchscheinenden weißen Kleid am Meer nichts ändern. Den deutschen Titel finde ich nur teilweise gelungen. „Solotanz“ ist attraktiv und ansprechend, entspricht dem trotz vieler Praxisbeispiele nüchtern, kühl und distanzierten Stil der Psychotherapeutin nicht wirklich. Eine „Anleitung“ zum Alleinsein ist der Band ganz sicher nicht, eine Reflexion über „Glück und Unglück einer neuen Lebensform“ aber schon. Die französische Originalausgabe erschien 2007 unter dem treffenderen Titel: „Les nouvelles Solitudes“, also: „Die neuen Einsamkeiten“, in Paris.
Trotz dieser kritischen Anmerkungen finde ich das Buch lesens- und empfehlenswert. Es beinhaltet eine komplexe und vielschichtige Sammlung von Aspekten zum Thema, die von einer beobachtenden Warte kritisch und differenziert betrachtet werden und dabei eine kraftvoll aufklärende Wirkung entfalten. Letzten Endes ist der Titel eine Kampfansage an den schlechten Ruf des Alleinseins in unserer pluralistischen Konsumgesellschaft. Diese Kampfansage finde ich nötig und überfällig, ebenso wie das überaus kritische Hinterfrage vieler „Normalitäten“ und „Selbstverständlichkeiten“ unserer modernen europäischen Gesellschaften. Also lesen und drüber diskutieren, gerne auch hier!
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Foto: Pixabay