Psychotherapie: Narzissten-Test

 

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung konnte ich während meiner Ausbildungsjahre nie so richtig fassen. Lange Zeit war das für mich nicht wirklich relevant. Das änderte sich, als ich unverhofft näher mit einem ebenso faszinierenden wie verstörenden Exemplar zu tun hatte und schockiert zurückblieb. Erschüttert über dieses Dr Jekyll und Mr Hyde – Phänomen, wie ich es mittlerweile nenne, und über die Tatsache, dass ich mir erst im Nachhinein über alles so richtig klar wurde. Heute weiß ich, dass das auch das ein Teil der Störung ist…

Eine Zeit lang habe ich jede Menge Artikel, Bücher und Blogs zum Thema gelesen, Vorträge und Podcasts darüber gehört und mich mit Profis und Laien darüber ausgetauscht. Vieles wurde klarer, anderes gewann durch die zunehmende Klarheit eher noch an Schärfe und Grauen. Vieles ist und bleibt schwer zu fassen und zu verstehen. Die letzten Bücher, die ich zum Thema gelesen habe, werde ich hier nicht vorstellen, weil entweder – in meinen Augen – zu abgrundtief böse und niederschmetternd oder, das andere Extrem, so sehr ins Positive umdeutend, dass es schon dem Verkehrte-Welt-Spiel gleichkommt. Als ich die Beschäftigung mit dem Narzissmus eigentlich schon abgeschlossen hatte, weckte ein weiterer Titel meine Neugier. Dessen Inhalte finde ich derart plausibel und die Art der Darstellung trotz ihrer Deutlichkeit so differenziert und inklusiv, dass das Buch nun Einzug hier in den Blog hält:

 

Dr. Craig Malkin:

Der Narzissten-Test. Wie man übergroße Egos erkennt … und überraschend gute Dinge von ihnen lernt.

Köln 2017

 

Der Autor

„Dr. Craig Malkin ist seit mehr als 20 Jahren klinischer Psychologe. Er ist Dozent für Psychologie an der Harvard Medical School und schreibt für Magazine und Zeitungen wie Psychology Today, Women´s Health oder Men´s Health. Er lebt mit seiner Familie in Boston.“

 

Der Klappentext

„Narzissmus scheint die Krankheit unserer Zeit zu sein. Doch was genau ist Narzissmus? Dr. Craig Malkin zeichnet davon in seinem richtungsweisenden Buch ein neues Bild. Anhand vieler Fallbeispiele und auf Grundlage zahlreicher Studien zeigt er, wieso sich so viele menschliche Verhaltensweisen unter diesem einen Namen vereinen lassen. Narzissmus ist laut Malkin ein Spektrum, das von gesundem Selbstvertrauen bis zu extremen Größenwahn reicht.“

 

Das Buch

Nach der Einleitung und dem erzählten Mythos des Narziss ist das Buch in vier Teile untergliedert:

Teil I beschäftigt sich mit der Frage: „Was ist Narzissmus?“ und stellt im im 1. Kapitel alte Thesen und neue Sichtweisen zum Narzissmus vor, um ihn völlig neu zu betrachten. Das 2. Kapitel ist der Konfusion bzw. Kontroverse gewidmet: „Wie ´Narzissmus` zum Schmähwort wurde und eine Epidemie losbrach“. Kapitel 3 stellt ein breites Narzissmusspektrum von 0 bis 10 vor. Das 4. Kapitel beinhaltet einen Narzissmus-Test.

 

Teil II behandelt die Ursprünge sowie gesundem und ungesundem Narzissmus. Das 5. Kapitel beleuchtet die Grundursachen: „Wie wird man Echoist oder Narzisst?“. Im 6. Kapitel werden die beiden Extrempole Echoismus und Narzissmus untersucht.

 

Teil III fokussiert sich auf das Erkennen und Bewältigen von ungesundem Narzissmus. Das 7. Kapitel beinhaltet Warnsignale zum Erkennen subtiler Narzissten. Das 8. Kapitel befasst sich mit der Möglichkeit einer positiven Veränderung beim Umgang mit Partnern, Angehörigen und Freunden. Die Thematik des Kapitel 9 ist die förderliche Entwicklung im Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten.

 

Teil IV schließlich erörtert die Förderung eines gesunden Narzissmus. Im 10. Kapitel finden sich Empfehlungen für Eltern: „Wie wird mein Kind selbstbewusst und einfühlsam?“. Im 11. Kapitel geht es um den gesunden Umgang mit sozialen Medien unter der Überschrift „Vom Ich zum Wir“. Das 12. und letzte Kapitel befasst sich mit dem Punkt: „Ein Leben voller Leidenschaft: Das größte Geschenk eines gesunden Narzissmus“.

 

Zentrale Inhalte

Craig Malkin erkannte erst im Psychologie-Studium, dass seine Mutter Narzisstin war. In seinem Buch stellt er eine neue Sichtweise des Narzissmus vor – „als menschliche Angewohnheit, sich selbst aufzurichten“. Er geht sogar noch einen Schritt weiter mit der Erkenntnis: „Narzissmus ist nicht immer nur negativ. Genau genommen sind einige Formen des Narzissmus gut, ja sogar notwendig, um ein glückliches und erfülltes Leben führen zu können.“ Das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, könne den Menschen kreativer machen und ihm außergewöhnliche Eigenschaften verleihen. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist dabei die ausgeprägteste und schlimmste Form von Narzissmus. Bei den „wahren Narzissten“ offenbaren sich im schlimmsten Fall drei Züge einer sogenannten „dunklen Triade“: Sie nehmen die Welt nur aus ihrem eigenen Blickpunkt wahr und haben zudem einen absoluten Mangel an Reue und einen starken Hang zum Manipulieren. Malkin verfolgt mit seinem Buch das Ziel, allgemein mehr Klarheit und Zuversicht in die Thematik zu bringen und ganz konkret dazu beizutragen, dass Menschen die negativen Seiten der Selbstverliebtheit überwinden und die positiven bewusst bejahen.

 

Im ersten Kapitel betont der Autor, dass das Wort Narzissmus zwar häufig geäußert wird, aber nur vage definiert ist. „In der Umgangssprache ist es inzwischen kaum mehr als eine gängige Beleidigung, die auf ein übersteigertes Ego verweist – Selbstbewunderung, Selbstverliebtheit, Selbstgefälligkeit und Selbstsucht. Die Presse neigt dazu, dieses Etikett jedem Promi oder Politiker anzuheften, dessen Werbegags oder Selfie-Gewohnheiten ausarten. Aber ist Narzissmus nichts weiter als das: Eitelkeit oder Aufmerksamkeitssucht? Der Sprachgebrauch der Psychologen ist nicht minder verwirrend. Narzissmus wird zum einen als unausstehlicher, aber weit verbreiteter Charakterzug und zum anderen als seltene und gefährliche Geistesstörung betrachtet. In der Psychiatrie setzt sich jedoch allmählich die Ansicht durch, dass Narzissmus keineswegs als Krankheit angesehen werden sollte. So diffus und vage all diese Sichtweisen zu sein scheinen, so liegt ihnen doch allen eine gemeinsame Annahme zugrunde: Narzissmus sei durchweg destruktiv. Nur dumm, dass dies nicht stimmt. Gewiss, Narzissmus kann schädlich ein. Das Internet ist voller Artikel und Blogs von Menschen, die unter extrem narzisstischen Liebhabern, Ehegatten, Eltern, Geschwistern, Freunden und Kollegen zu leiden haben. (…) Dies stellt jedoch nicht das ganze Bild dar, sondern nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was unter Narzissmus zu fassen ist. (…) Inzwischen setzt sich jedoch eine überraschend neue Sichtweise durch, die auch mögliche Vorteile des Narzissmus in den Blick nimmt.“

 

Umgekehrt leiden Menschen, die sich nicht als etwas Besonderes sehen, häufiger unter Depressionen und Angststörungen. In den meisten Fällen ist ihre Wahrnehmung der Welt zutreffender als die von Menschen mit einem positiven Selbstbild. „Doch sie opfern ihr Glücksgefühl eben jenem Realismus“. Craig Malkin nennt sie „Echoisten“. Er schreibt: „Erstaunlicherweise kann auch zu wenig Narzissmus schädlich sein. Erinnern wir uns an die Nymphe Echo. Sie bildet jenen Teil des Mythos, den wir gewöhnlich vergessen. Sie hat keine eigene Stimme. Sie verleugnet sich selbst und bleibt unsichtbar. Je weniger sich jemand für etwas Besseres hält, desto stärker nimmt er sich selbst zurück, bis er schließlich ein so geringes Selbstwertgefühl besitzt, dass er sich wertlos und machtlos vorkommt.“ Kurz gesagt verhält es sich so, dass Narzissten anderen schaden, während Echoisten vor allem sich selbst schaden.

 

Der Autor betont am Ende des ersten Kapitels, dass sich nicht alle Narzissten frech zur Schau stellen; „einige sind sogar nicht einmal besonders extrovertiert und auffällig. Dadurch sind sie umso schwerer zu erkennen. Es gibt auch unaufdringlichere Narzissten, die häufiger anzutreffen und dabei schwerer auszumachen sind und um einiges destruktiver sein können. Das sind die Menschen, die wir jeden Tag sehen: unsere Beziehungspartner, Angehörigen, Freunde und Vorgesetzten. Ihr ungesunder Narzissmus wird meist von ihrem angenehmen Auftreten maskiert; sie sind oft ruhig und charmant, können auch warmherzig und bisweilen sogar einfühlsam sein. Ihre Kennzeichen sind schwerer festzustellen, treten aber dennoch auf.“ Ihnen gemeinsam ist, dass alle Narzissten normale Gefühle wie Angst Trauer, Vereinsamung und Scham aus Furcht vor Ablehnung verbergen. Je größer die Angst vor Zurückweisung ist, desto stärker schützen sie sich mit dem Glauben, etwas Besonderes zu sein.

 

Auf das hochinteressante zweite Kapitel möchte ich an dieser Stelle nur verweisen, da sich die komplette Lektüre lohnt. Craig Malkin führt darin aus, wie „Narzissmus“ zum Schmähwort wurde und eine Epidemie ausbrach. Dabei spannt er den Bogen von Aristoteles im Jahr 350 vor Christus, streift verschiedene Religionen, Philosophen, Sexualwissenschaftler und Analytiker, pointiert auf höchst interessante Weise die weit auseinandergehenden Ansätze der beiden Psychiater Heinz Kohut und Otto Kernberg und kommt schließlich über das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorder (DSM) und das 1979 eingeführten Inventarium Narzisstischer Persönlichkeit (NPI) zu der 2009 von der texanischen Psychologin Jean Twenge postulierten „Narzissmusepidemie“.

 

Im dritten Kapitel führt Craig Malkin aus, dass Narzissmus nicht eine Frage des Typs, sondern des Grades ist und in einer Stufenskala auftritt. Malkin empfiehlt, den Narzissmus nicht in Begriffen von ganz oder gar nicht zu sehen. Vielmehr zeichnet er eine Linie, die in Stufen von 0 bis 10 unterteilt ist. Die steigenden Zahlen stehen dabei für ein zunehmendes Bedürfnis, sich als etwas Besonderes zu fühlen. Gefahr lauere an beiden Enden des Narzissmusspektrums. Er definiert die skalierten Bereiche außerdem mit den Begriffen Abstinenz, Gewohnheit, Mäßigung, Gewohnheit, Sucht. Den gesunden Bereich siedelt er im Bereich 4 – 6 an. „Nur in der Mitte, wo das Verlangen, sich aus sieben Milliarden anderen Menschen herauszuheben, nicht blind macht für die Bedürfnisse und Gefühle anderer, liegen Glück und Gesundheit.“ Die Messwerte 3 und 3 sowie 7 und 8 bezeichnet er als Gewohnheit, da sie außerhalb der zwanghaften Starre liegen, die bei 0 und 10 anzutreffen ist. „Hier weist das Gefühl mehr Flexibilität auf und ist somit offener für Veränderung.“ Den Beginn des krankhaften Bereichs sieht er ab Stufe 9: „Die toxische Mischung aus Anspruchsgebaren und Ausbeutung macht Menschen bei den Skalenwerten 9 und 10 so blind gegenüber den Bedürfnissen und Gefühlen anderer, dass jegliche Empathie auf der Strecke bleibt.“

Außerdem beschreibt der Autor im dritten Kapitel die Spielarten des extrovertierten, introvertierten und sozialen Narzissmus:

 

Der extrovertierte Narzisst „ist der Typ, von dem man normalerweise hört und um den das ganze Aufhebens gemacht wird. Er ist laut, aufgeblasen und leicht auszumachen. Er protzt mit seinem Geld und seinen Besitztümern, will bei jeder Gelegenheit im Mittelpunkt stehen und kennt keine Rücksicht, wenn es darum geht, beruflich aufzusteigen.“

 

„Introvertierte Narzissten (die in der Fachliteratur als verletzlich, überempfindlich und unauffällig beschrieben werden) sind genauso überzeugt wie andere Narzissten, sie seien besser als andere, doch sie fürchten sich so sehr vor Kritik, dass menschliche Kontakte und verstärkte Aufmerksamkeit sie regelrecht ängstigen oder sogar in Panik zu versetzen scheinen. Aufgrund ihrer äußerlichen Scheu und Furchtsamkeit sind sie leicht mit den Selbstlosen am linken Ende des Spektrums zu verwechseln. Sie unterscheiden sich jedoch von den Echoisten dadurch, dass sie sich keineswegs unterlegen fühlen. Sie sind davon überzeugt, unerkannte Intelligenz und verborgene Talente zu besitzen; sie glauben, die Komplexitäten der Welt besser verstehen und leichter meistern zu können.“

 

Der Typ des sozialen Narzissten „legt es nicht darauf an sich herauszuheben, indem er sich zum größten Könner oder zum verkanntesten Genie stilisiert. Er sieht sich vielmehr als besonders fürsorglich, verständnisvoll und mitfühlend. Er prahlt damit, wie viel er für die Wohlfahrt spendet und wie wenig er für sich selbst ausgibt. (…) Er hält sich für besser als der Rest der Menschheit, streicht aber heraus, dass er nicht nimmt, sondern gibt.

Hochinteressant sind auch die weiteren Ausführungen des äußerst ergiebigen dritten Kapitels zu demografischen Besonderheiten bei Alter, Geschlecht und Beruf sowie die drei illustrierenden Fallbeispiele. Das erste veranschaulicht eine Person des 2. Skalenwerts der Selbstverleugnung: „Diese Menschen sind einfach davon überzeugt, dass man am sichersten durchs Leben kommt, wenn man völlig unauffällig bleibt.“ . Das zweite Fallbeispiel macht den Skalenwert 9, Eigennutz, deutlich: „Menschen, die bei den Skalenwerten 9 oder 10 angesiedelt sind, klammern sich verzweifelt an ihren Sonderstatus. Ihre Überzeugung, sie stünden irgendwie über den anderen Normalsterblichen, kann sogar wahnhafte Ausmaße annehmen.“ Das dritte Fallbeispiel illustriert den 5. Skalenwert der Selbstsicherheit: „Es gibt ein klares Anzeichen dafür, dass Sie es mit jemandem zu tun haben, der in der Mitte des Spektrums steht: Er fördert in jedem das Beste zutage.“

 

Im vierten Kapitel bietet Craig Malkin einen Narzissmus-Test mit 30 Aussagen an, die auf einer Skala von 1 (trifft gar nicht zu) bis 5 (trifft voll und ganz zu) anzukreuzen sind. Die Auswertung soll dann Aufschluss über die drei Bereiche Narzissmus-Defizite, gesunder Narzissmus und extremer Narzissmus geben. Zur Einschätzung, wo man sich im Narzissmus-Spektrum befindet, sollen Durchschnitts- und Grenzwerte sowie typische Aussagen dienen. So beschreiben die folgenden beiden Aussagen die Gruppe der Narzissmus-Defizite am besten: „Ich weiß nicht genau, was ich in Beziehungen wünsche oder brauche“ und „Oft gerate ich in Verlegenheit, wenn ich gefragt werde, welche Alternative ich bevorzuge.“ Gesunder Narzissmus wird am deutlichsten bei den Aussagen „Ich bin sehr ambitioniert, aber nicht auf Kosten meiner Beziehungen“ und „Ich kann mich zurücknehmen, wenn man mir zu verstehen gibt, dass ich arrogant werde.“ Extremer Narzissmus charakterisiert sich am ehesten durch die Aussagen „Ich glaube insgeheim, dass ich besser bin als die meisten anderen Menschen“ und „Ich würde mich nie zufriedengeben, bevor ich nicht alles habe, was mir zusteht.“

 

Die folgenden Kapitel 5 und 6 befassen sich intensiv mit den Grundursachen von Echoismus und gesundem bzw. ungesundem Narzissmus. Bei den Ausführungen zum Echoismus werden Termini wie subtiler Echoismus bzw. Narzissmus, Bedürfnispanik, Anspruchseskalation, Ausbeutung („wenn jemand alles Notwendige tut, um vorwärts zu kommen oder sich herauszuheben, und dabei nicht davor zurückschreckt, anderen Menschen Schmerzen oder Schaden zuzufügen“) und Psychopathen („Nicht alle Narzissten sind Psychopathen, aber alle Psychopathen sind Narzissten“) definiert und illustriert.

 

Neben dem dritten Kapitel betrachte ich das siebte Kapitel als die Kernstücke des Buches, da es wichtige Warnhinweise zum Erkennen subtiler Narzissten liefert. Der Autor schreibt, dass man sich besonders mit den Anzeichen von extremem Narzissmus vertraut machen solle, da diese die meisten Probleme verursachen. Gleichzeitig seien sie nicht immer leicht zu erkennen, selbst wenn sie ganz außen am rechten Rand des Spektrums stünden. „Insbesondere extrovertierte Narzissten sind so geschickt darin, andere um den Finger zu wickeln, dass sie einen leicht für sich gewinnen, zumindest anfangs. Sie erklimmen vielleicht die Karriereleiter, sind wahre Stimmungskanonen oder überschütten die Angebetete mit Geschenken und Aufmerksamkeit. Selbst Menschen mit einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung können äußerst umgänglich sein, wenn sie mit sich selbst zufrieden sind. Aber aus Studien wissen wir, dass sich ihr Charme irgendwann abnutzt – manchmal binnen Wochen, manchmal binnen Monaten oder Jahren – und ihr Anspruchsgebaren und Manipulationsgeschick schließlich zutage tritt.“ Dieses Kapitel ist ein absolutes Muss für alle, die sich intensiver mit dem Thema beschäftigen und ihren „Narzissmus-Radar“ in jedem Lebensbereich präzise einstellen wollen. Allerdings muss man wissen, dass es eines gewissen Maßes an emotionaler Vertrautheit bedarf, um die Signale erkennen zu können. „Jedes der genannten Warnsignale kann in einer Beziehung bereits früh auftreten, aber um voll zutage zu treten, muss uns der Narzisst bereits nah gekommen sein.“ Daher beschränke ich mich auf das Nennen der fünf Frühwarnsignale für ungesunden Narzissmus: 1. Gefühlsphobie, 2. Gefühlsprojektion, 3. Heimlich die Fäden in der Hand behalten, 4. Idealisierung und 5. Zwillingsfantasien.

 

Sehr prägnant finde ich Malkins Bemerkungen am Ende des Kapitels: „Menschen, die chronisch Gefühle leugnen, vereiteln jede Hoffnung auf tiefere Intimität sowie harmonische und wechselseitige (nicht einseitige) Beziehungen (…). Sie sind innerlich zu sehr mit ihren eigenen Ängsten und Werturteilen beschäftigt, um das Geschenk wahrer Offenheit annehmen zu können. Aus diesem Grund wirkt ungesunder Narzissmus emotional so verkrüppelnd. Der extreme Narzisst fokussiert wie ein Kurzsichtiger auf sein eigenes Bedürfnis, wichtig zu sein, dass er genauso gut mit sich selbst liiert sein könnte – und es eigentlich auch ist.“

 

Im 8. Kapitel verfolgt der Autor den Gedanken einer positiven Veränderung: „Ungesunder Narzissmus lässt sich nicht so einfach ablegen, aber die Angewohnheit kann abgemildert werden, indem der Betreffende lernt, die Gefühle, die er üblicherweise verbirgt, zuzulassen und offen zu zeigen. Und Angehörige und Partner können ihm dabei helfen, in die gesunde Mitte des Spektrums zu rücken, indem sie sich in genau der gleichen Weise öffnen.“ Craig Malkin beruft sich auf Forschungsergebnisse, die nachweisen, dass Narzissten bindungsbereiter werden können, dies aber nicht mit „Egostreicheln“ gelingt, sondern wenn man ihnen eigene Gefühle der Unsicherheit, Angst, Trauer, Einsamkeit und Scham mitteilt, also Verletzlichkeit zeigt. Wenn der Betreffende allerdings „seine Verleugnung nicht überwinden und keinerlei Problemeinsicht zeigen kann, ist es aussichtslos – wie bei einer Sucht. In diesem Fall verweist der Autor auf seine Ausführungen zum Thema „Trennungsbarrieren überwinden“ im weiteren Verlauf des Kapitels.

 

Essentiell für EX-Partner*innen von Narzissten finde ich Malkins Gedanken zum Punkt „Keine Selbstvorwürfe“: „Je mehr Zeit ich mit einem Menschen verbringe, desto mehr wird dieser buchstäblich ein Teil von mir. (…) Unsere Identität ist mit den Menschen verknüpft, die uns -nahestehen. Selbst wenn diese Bande durch Wut oder Schmerz überdehnt oder zerschlissen werden, klammern wir uns daran, weil wir auch einen Teil von uns selbst bewahren wollen. So wird aus dem Band eine Fessel. (…). Daher finden viele Menschen immer wieder einen Grund zusammenzubleiben, statt sich zu trennen. Eine der heimtückischsten Strategie hierbei sind Selbstvorwürfe. Selbstvorwürfe erweisen sich als nützlich, wenn eine Beziehung nicht mehr funktioniert, aber eine Trennung als zu schmerzlich empfunden wird. Wenn ich mir einrede, der andere sei aufgrund meiner eigenen Fehler unsensibel und verletzend, besteht nach wie vor Hoffnung. Ich muss mich nur bessern. Wenn ich das Problem bin, liegt das Glück der Beziehung ausschließlich in meiner Hand. Die Lösung erhält die Hoffnung aufrecht, allerdings auf Kosten der Selbstachtung. (…) Man kann sich vor dieser Art der Selbstkritik schützen, indem man sich einem Gefühl stellt, das man wahrscheinlich mehr fürchtet als man denkt: Enttäuschung. Chronische Selbsttadler verbergen ihre Enttäuschung, weil sich in der Vergangenheit zeigte, dass alles nur noch schlimmer wird, wenn man sie äußerte. (…) Denken Sie immer daran: Sie haben ein Recht auf Ihre Enttäuschung. Wenn Sie Ihre Bedürfnisse und Gefühle offen zeigen und dies den Partner vergrault, können Sie in dieser Beziehung nicht glücklich sein. Die Lösung kann nicht darin bestehen, Echo zu werden. Erkennen Sie die Selbstvorwürfe als das, was sie sind: eine starke Angst vor Liebesentzug, der droht, falls Sie Ihre Wünsche äußern. Selbstvorwürde sorgen dafür, dass Sie in der falschen Beziehung stecken bleiben (…).“ Ein weiterer guter Hinweis für Ex-Partner*innen von Narzissten ist das Trennen von Nervenkitzel, Erotik und Intensität und Bad Boys bzw. Bad Girls. Es geht darum, zu den eigenen Begierden und Wünschen zu stehen und sich zu fragen: „Was habe ich mit meinem narzisstischen Ex gemacht, was ich jetzt nicht mehr mache?“ und dann loszugehen und mit Reizen zu experimentieren, ohne große Risiken dabei einzugehen.

 

Das 9. Kapitel verfolgt ähnlich hilfreiche Strategien im beruflichen Bereich beim Umgang mit Kolleg*innen und Vorgesetzten.

 

In den drei letzten Kapitel geht es zur Kür, dem Fördern von gesundem Narzissmus im Umgang mit den eigenen Kindern, den sozialen Medien und einem Leben voller Leidenschaft.

Grundlegend wichtig sind im 10. Kapitel die Darstellungen zu den verschiedenen elterlichen Erziehungsstilen (autoritär, verwöhnend oder verzärtelnd, gleichgültig oder vernachlässigend, autoritativ) und dem Vorstellen konkreter Strategien eines autoritativen Erziehungsstils wie z.B. Entschlossenheit und Einfühlung zeigen, Positives festhalten, Empfindsamkeit vorleben, Grenzen setzen, positive Anleitung geben oder Fehler und Neuversuche zulassen.

 

Zum gesunden Umgang mit sozialen Medien im 11. Kapitel gehören v.a. Schritte wie gemeinschaftliche Erfahrungen, wenn Menschen aufeinander zugehen und sich gegenseitig unterstützen. Die richtige Nutzung der sozialen Medien betont den sozialen Aspekt und das kann das eigene Selbstwertgefühl steigern statt dem Narzissmus Auftrieb zu geben. Die drei Merkmale von Gruppen, die erwiesenermaßen maßgeblich dazu beitragen, dass deren Mitglieder mehr Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit erlangen, sind: Verbundenheit, Zielsetzung und Aufgabenstellung.

 

Im 12. und letzten Kapitel schließlich geht es darum, dass die Menschen um uns herum echte Vertrautheit und Innigkeit gewinnen, wenn echte Leidenschaft für die Person und/oder Sache im Spiel ist. Craig Malkins letzte Worte im letzten Kapitel sind: „In einem glücklichen Leben halten sich die eigenen Interessen und die Bedürfnisse anderer das Gleichgewicht. Das macht gesunden Narzissmus aus und verleiht uns die Kraft, ein Leben voller Abenteuer und Selbstentdeckung zu führen. In gesundem Narzissmus verschmelzen Leidenschaft und Mitgefühl. So eröffnet sich ein wahrlich beglückendes Leben.“

 

Meine Meinung

Nach einem langen Blog möchte ich am Ende auf meine Worte im Intro verweisen: Ich halte viel von diesem differenzierten Buch! Allerdings finde ich den Titel der 2015 erschienenen amerikanischen Originalausgabe: „Rethinking Narcissm. The Bad – and Surprising Good – About Feeling Special“ deutlich gelungener als die deutsche Übersetzung finde. Ich wünsche eine erhellende Lektüre!

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Foto: Pixabay

 

 

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