Karsten Dusse:
Das Kind in mir will achtsam morden.
Roman
München 2020
Der Autor
Karsten Dusse ist Rechtsanwalt und seit Jahren als Autor seit Jahren als Autor für verschiedene Fernsehformate tätig. Seine Arbeit wurde mit dem Deutschen Fernsehpreis und mehrfach mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet sowie für den Grimme-Preis nominiert. 2019 wurde sein Debütroman ACHTSAM MORDEN zum Bestseller.
Der Autor zur Buchidee
„Das Kind in mir will achtsam morden ist ein Geschwisterkind. Es hat bei gleichem Genpool wie Achtsam morden seinen eigenen Charakter.
Der Wunsch, nach der Achtsamkeit ein weiteres ganzheitliches Thema als durchaus ernst gemeinten Ausgangspunkt für ein humorvolles Buch zu verwenden, war der Vater des Gedankens, mich mit der Thematik des inneren Kindes zu befassen.
Die Theorie vom „Inneren Kind“ ist ein Erklärungsmodell. Ich halte dieses Modell für einen absolut nachvollziehbaren Ansatz. Um es mit Björn Diemel zu sagen: Es ist eine gute Methode, um die Ursache der Probleme zu ergründen, deren Folgen man täglich mit Achtsamkeit mindert.
Wie auch bei der Achtsamkeit gab es bei der Suche nach dem „Inneren Kind“ unendlich viele Anregungen in Büchern, Blogs und Videos. Viele haben mich inspiriert, manche animiert, einige auch amüsiert.
Amüsiert hat mich nie der Ansatz, sondern manchmal das Erlösungsversprechen einiger Ratgeber.
Gute Ratgeber sind ein toller Einstieg, sich einem ganzheitlichen Thema zu nähern. Ich persönlich halte den Kontakt zu echten Menschen mit fundierter Erfahrung allerdings für unerlässlich, wenn man persönliche Erkenntnisse aus einem psychologischen Ansatz heraus erarbeiten möchte.
Niemand würde sich mithilfe eines Ratgebers selbst eine Platzwunde zunähen. Warum sollte das bei Verletzungen der Seele anders sein?
Deshalb geht Björn Diemel zu Joschka Breitner.
Und weil ich das immer wieder gefragt werde: Joschka Breitner ist in der Tat frei erfunden. (…).“
Der Klappentext
„Es ist nie zu spät für eine unglückliche Kindheit.“
Joschka Breitner, Das Innere Wunschkind
Björn hat das Prinzip der Achtsamkeit erlernt und mit dessen Hilfe sein Leben verbessert. Er hat den stressigen Job gekündigt und sich selbstständig gemacht. Er verbringt mehr Zeit mit seiner Tochter und streitet sich liebevoll er mit seiner Frau. Ach ja, und nebenbei führt er noch ganz entspannt zwei Mafia-Clans, weil er den Chef des einen ermordet und den des anderen im Keller eines Kindergartens eingekerkert hat. Warum nur kann Björn das alles nicht genießen? Warum verliert er ständig die Beherrschung? Hat er das Morden einfach satt? Ganz so einfach ist es nicht. Sein Therapeut Joschka Breitner bringt ihn endlich auf die richtige Spur: Es liegt an Björns inneren Kind!
Kindlich. Tödlich. Ganzheitlich.
Der achtsame Mörder Björn Diemel optimiert sich weiter..
„Unsere Seele ist aufgebaut wie eine russische Matrjoschka-Puppe. Wenn es in unserer Erwachsenen-Seelen-Puppe rappelt, ist das in Wahrheit das Geräusch der verletzten Kinder-Seelen-Puppe innen drin.“
Joschka Breitner, Das innere Wunschkind
Die Beschäftigung mit meinem inneren Kind stellte sich für mich als die ideale Methode heraus, um die Ursachen der Probleme zu beseitigen, deren Folgen ich täglich mit Achtsamkeit minderte. In meiner Kindheit gab es noch keine „Siri“ und „Alexa“. Die Typen, die zu Hause das Licht an- und ausmachten, die Stereoanlage bedienten und jede noch so dumme Frage falsch beantworteten, hießen „Mama“ und „Papa“. Wenn also etwas in meiner Kindheit verkorkst worden ist, dann von diesen beiden. Das war insofern beruhigend, als ich mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf bequem meinen Eltern die Schuld für meine Eheprobleme, meine Zukunftsangst, für meine generelle Gereiztheit und für mehrere Morde in die Schuhe schieben konnte.“
Das Buch
Der Roman besteht zwischen Prolog und Dank aus 50 Kapiteln, die kurze Überschriften wie „Selbstvorwürfe“, „Kindheitserinnerungen“, „Urvertrauen“, „Kreativität“, „Kindlich und kindisch“, „Glaubenssätze“, „Rüstung“, „Kindheitswünsche“, „Überschreiben“, „Führung“, „Verstehen“ oder „Unterstützung“ tragen.
Jedem Kapitel geht ein Zitat des frei erfundenen Achtsamkeitscoaches Joschka Breitner aus seinen frei erfundenen Büchern „Das innere Wunschkind“ und „Entschleunigt auf der Überholspur – Achtsamkeit für Führungskräfte“ voraus. Zum Beispiel: „Selbstvorwürfe sind sinnlos. Sie lösen ein Problem nicht. Sie kopieren es lediglich aus der Realität in Ihre Gedanken. Und lassen es dort zu einer Größe anwachsen, die es in der Realität nie erreichen würde.“ Oder: „Angst hat man vor etwas. Nicht bei etwas. Angst haben Sie vor dem Ungewissen – nicht vor der Realität. Das ist gut. Wenn Sie Angst empfinden, besteht zumindest die Hoffnung, dass die Ereignisse, vor denen Sie Angst haben, so gar nicht eintreten werden.“ Und: „Ihre Eltern waren nicht die besten Eltern der Welt. Sie waren nur die einzigen Eltern in Ihrer Welt.“
Leseproben
Aus dem Kapitel GEFÜHLE:
Björn soll seinem inneren Kind einen Brief schreiben. Als vertrauensbildende Maßnahme und als Möglichkeit für ihn, seine eigenen Gefühle zu ergründen, zu ordnen und zu fixieren. Das liest sich bei ihm so: „Es tut mir alles sehr leid. Ich habe dich so lange ignoriert und gar nicht gewusst, mit welchem Schatz ich seit Jahren mein Leben teile. Mir ist jetzt erst klar, wie sehr wir uns gegenseitig das Leben schwer gemacht haben. Ich möchte dich freilassen, ohne dich zu verletzen. Ich möchte, dass du dein eigenes Leben leben kannst. Mit mir als Freund. Nicht als jemand, der dich einengt. Das haben wir nun lange genug probiert. Ich sehe ein, dass das nicht funktioniert. Ich wünsche mir, dass du in Freiheit dein Glück findest. Vielleicht kann der Ballast unserer Vergangenheit das Fundament einer freien Partnerschaft werden.“ Weiter war er nie gekommen.
Aus dem Kapitel KINDHEIT:
„Dass Frauke Erzieherin werden wollte, hatte sicherlich auch eine Menge mit ihrem inneren Kind zu tun. So konnte Frauke auf Augenhöhe all das ausleben, was Frauke in ihrer eigenen Kindheit verwehrt worden war. (…) Welche Glaubenssprüche ihr auch immer von ihren Eltern eingebläut sein mochten: Die Abwehrrüstung von Fraukes inneren Kind war auch von außen beim besten Willen nicht zu übersehen. Sie bestand zu einem guten Teil aus Nahrung und Schminke. Die Angriffsrüstung schien ein gesteigertes Bedürfnis zu sein die Welt zu retten.“ Björn spricht sie auf ihr Engagement in Umweltthemen an. Und darauf, dass sie in der Nemo-Gruppe den Zwei- bis Fünfjährigen den Zusammenhang zwischen Fruchtquetschies und Klimawandel erklärt hätte. „Ich legte ihr anerkennend eine Hand auf die Schulter. Dass auch Kinder ihren Beitrag für eine politische Ideologie leisten konnten, war in Deutschland durch zwei Weltkriege, ein Kaiserreich und zwei Diktaturen bereits als Brauchtum anerkannt.“
Dann verklickert er ihr tatsächlich, dass der Elternbeirat einen Brief von der UN-Vollversammlung erhalten hätte. Und dass die Vereinten Nationen ihr in Bezug auf ihr Fruchtquetschie-Engagement einen Vorschlag unterbreiten wolle. „Gemeinsam mit meinem inneren Kind hatte ich zur Vermeidung eines Fruchtquetschie-Verbots den gleichen schönen Lösungsansatz in Bezug auf deren CO2-Fußabdruck gefunden wie fast alle Kreuzfahrtanbieter und Airlines: die Kompensation. Durch das Pflanzen von Bäumen zum Beispiel. Nur dass Fruchtquetschies lediglich sehr kleine Bäume zu Kompensation erforderten.“ Er schlägt Frauke eine Überkompensation von Fruchtquetschies im Kindergarten statt eines Verbots vor: „Nun, das Pflanzen einer einzigen Tulpe in Amsterdam würde den CO2-Ausstoß eines ganzen Fruchtquetschies kompensieren. Die Vereinten Nationen haben nun in Bezug auf die Fruchtquetschies in diesem Kindergarten vorgeschlagen, dass wir ganz neue Wege gehen. Wir werden für jedes im Kindergarten getrunken Fruchtquetschie nicht nur eine, sondern sogar zwei Tulpen in Amsterdam pflanzen lassen. Damit würde das Trinken jedes einzelnen Fruchtquetschies sogar zu einem Beitrag für eine bessere Welt.´ (…)
Frauke war sprachlos. Vor Freude. Sascha war sprachlos. Über die Dreistigkeit meines inneren Kindes. Die er mir zurechnete. Ich war sprachlos. Dass das ganze Thema so einfach aus der Welt zu schaffen war. Mein inneres Kind war nicht sprachlos. Es giggelte vor Freude.“
Aus dem Kapitel ZERSTÖRUNG:
„Die Kindergarten-Beiratssitzung fand in der Turnhalle des Kindergartens statt. (…) Hinter Sascha stand ein Flipchart. (…) Er eröffnete die Sitzung.
`Wie Sie wissen, bin ich in diesem Kindergartenjahr zum ersten Mal von Anfang an als Leiter von >Wie ein Fisch im Wasser> für den Kindergarten verantwortlich. Und ich würde gern mit unserem und für unseren Kindergarten ein Zeichen setzen. (…) Ich möchte gern, dass unser Kindergarten … der erste … plastikfreie und klimaneutrale Kindergarten … der ganzen Stadt wird.´
Erstaunen und positive Verwunderung bei den nicht eingeweihten Damen. (…)
`Schwierigkeiten sind kein Argument für Untätigkeit. Wir leben auf einem Kontinent im Klimanotstand. Da müssen wir Schwierigkeiten für die Zukunft unserer Kinder überwinden und notfalls auch Opfer bringen.´
Die Verwunderung wandelte sich in Bewunderung, als Sascha die erste Seite des Flipcharts umschlug, auf der die Eckpunkte seiner Visionen formuliert waren.
`Mit Ihrem Einverständnis können wir gemeinsam den Plastikgebrauch in unserem Kindergarten sofort um ein Drittel reduzieren, unseren Energiebedarf auf Ökostrom umstellen und ab heute auf fossile Brennstoffe verzichten.´
Ein positives Raunen ging durch die Gruppe.
`Da sind wir im Namen der Eltern sofort dabei`, unterstützte Petra jeden dieser Vorschläge, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, wie diese Ziele erreicht werden sollten.
`Ich bin froh, dass ich mich da auf Sie verlassen kann. Dann ist das also beschlossene Sache.´
Sascha schlug die nächste Seite des Flipcharts um, auf der in Stichworten vermerkt war, wie die eben bejahten Ziele zu erreichen waren.
`Ein Drittel weniger Plastik erreichen wir sofort durch ein Drittel weniger Kinder. Wir werden gleich gemeinsam auslosen, welche Kindergartengruppe wir schließen.´
Die Sprachlosigkeit bei Petra und Co. Stand in leichter Diskrepanz zu den Opfern, die sie vor einer Minute noch zu bringen bereit waren. Sascha tat so, als nähme er den Stimmungsumschwung nicht zur Kenntnis.
`Der Vorteil für die Kinder, die ab sofort zu Hause betreut werden, ist sicherlich die Wärme im Elternhaus. Wir werden im Kindergarten noch heute Abend die alte Ölheizung abschalten. Ich habe noch keine Ahnung, welche andere Heizungsart ökologisch sinnvoller ist. Aber nur weil der Winter vor der Tür steht, sollten wir uns nicht von unserem Ziel der CO2-Neutralität abhalten lassen. Wofür gibt es Pullover?´
Die Eltern wurden langsam unruhig. Sascha ignorierte es und präsentierte die nächste Seite des Flipcharts. Sie zeigte eine Bauzeichnung des Kindergartens. Im Garten der Anlage stand auf der Zeichnung allerdings nun ein hundert Meter hohes Windrad.
`Und als weithin sichtbares Zeichen unserer Klimaneutralität werden wir unseren Ökostrom in Zukunft selber erzeugen. Wir werden ein eigenes Windrad im Außenbereich errichten. Also … im dann ehemaligen Außenbereich. Baurechtlich wird das vielleicht schwierig … aber der Chef vom Bauamt hat ja seine Kinder auch bei uns, da wird sich schon eine Lösung finden. In jedem Fall werden wir vor Einbruch des Winters schon mal die Vorarbeiten für die Aushebung der Grube für das Sockelfundament beginnen. Deswegen wird der Außenbereich ab nächster Woche geschlossen werden. Vorschlag angenommen?´
Sascha schaute strahlend in zehn schockierte Gesichter. (…) Petra fand als Erste die Sprache wieder. `Vielleicht … sollten wir uns über Details noch mal in Ruhe unterhalten…´“.
Meine Meinung
Der Roman ist eine gelungene Umsetzung der Intention, einem ernsten Thema wie dem inneren Kind ein humorvolles Buch zu widmen. Leserinnen und Leser, die mit dem Ansatz schon vertraut sind, begegnet hier eine erfrischend neue Darstellung der Theorie. Diese bekommt durch die Absurdität und Drastik einiger Episoden der Geschichte eine durchaus nachhaltige Wirkung. Und ich kenne Leserinnen und Leser, für die die Sache mit dem inneren Kind völlig neu war. Die den Ansatz aber so einleuchtend und faszinierend fanden, dass sie gleich nach der Lektüre eine Partnerschaftswoche mit dem inneren Kind ausprobierten und danach begannen, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen.
Das Buch lässt sich leicht lesen. Dabei enthält es nicht nur eine fesselnde Geschichte, sondern auch viele kluge, freche, witzige und sarkastische Gedanken und berührende Schilderungen. Wenn der Protagonist zum Beispiel erfolgreich versucht, heikle Ereignisse mit seiner Tochter besser zu wuppen als seine Eltern damals bei ihm. Oder wenn er selbst völlig unverhofft die Erfahrung bedingungsloser Rückendeckung macht. In diesem zweiten Roman gibt es irgendwann sogar eine erotische Szene. Deren Schilderung beschreibt gleichzeitig noch eine zweite Handlung einer anderen Person an einem anderen Ort und das auf eine wirklich gelungene und witzige Weise.
Fazit: Lesenswert für Fans von Karsten Dusse und/oder des inneren Kindes und allen, die es gerne werden möchten!
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Foto: Pixabay